Der PEN International wurde 1921 in London gegründet und gilt weltweit als wichtigster Schriftstellerverband. Das Kürzel PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Das, und was die Geschichte des PEN anbelangt, kann man überall nachlesen. Ich berichte vielmehr, was der PEN Deutschland für mich bedeutet, ohne dabei allzu subjektiv zu werden.
Meine PEN-Bürgen waren Dieter Meier-Lenz (Serralongue/Frankreich), Franz Norbert Mennemeier (Mainz) und Klas Ewert Everwyn (Düsseldorf). Mit diesen drei Autoren war ich befreundet, mit Everwyn, weil wir in derselben Stadt wohnten, mit Mennemeier, weil wir uns schon seit Berlin kannten, als er dort Professor für Deutsche Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft wurde, und mit Meier-Lenz, weil uns die Liebe zum Werk von Heinrich Heine verband. 2009 klappte es mit meiner Mitgliedschaft, als Everwyn, was damals noch nötig war, in der Jahresversammlung des PEN in Görlitz aufs Podium stieg und eine kleine Laudatio auf meine Werke und ad personam hielt ... Düsseldorf, das zu dieser Zeit Rolfrafael Schröer, Hubert Winkels, Harald K. Hülsmann … im PEN sah, brachte in den Jahren 1995-1996 mit Ingrid Bachér, welche einst Mitglied in der Gruppe 47 war, eine PEN-Präsidentin hervor. Sie scheiterte aber an der hitzig geführten Debatte über die Vereinigung des westdeutschen mit dem ostdeutschen PEN-Zentrum. Bachér trat nicht nur zurück, sie trat aus dem PEN aus, um später hochbetagt mit 92 nach dem Crash in Gotha (2022) als Gründungsmitglied des PEN Berlin wieder in Erscheinung zu treten.
Da ich in den Jahren 1969‒1976 in Berlin/West lebte und an der Freien Universität Neuere deutsche Literatur, Sprachwissenschaft und Philosophie studierte, war die damalige Szene-Stadt vorübergehend meine zweite Heimat geworden. Alfred Behrmann und Walter Höllerer entdeckten mich, ich bekam ein Arbeitsstipendium des Senats von Berlin und konnte Texte in der Zeitschrift „Litfass“ und im SFB unterbringen. Seit 1979, nach zwei Jahren Postgraduiertenstipendium an der Freien Universität und zwei Jahren Mitarbeit an der Universität Essen am Projekt „Deutsche Literatur eine Sozialgeschichte“, lebe ich mit erstem Wohnsitz in meiner Lieblingsstadt Düsseldorf am Rhein: Der Rhein, das Rheinland und die „Rhein-Autoren“ reizen mich. Ach, die gab es damals noch nicht, aber die „Aktionspoeten“, bei deren Gründung ich mitwirkte und deren Lyrikbogen ich herausgab. In der leicht mondänen D-Stadt interessierten mich zudem „Little Paris“ und „Little Tokyo“. „Little Tokyo“ so sehr, dass ich 1986 als Hochschullehrer an die Universität Tsukuba im Großraum Tokyo gelangen konnte.
Zurück zum PEN-Deutschland und zum PEN überhaupt. Der PEN ist ‒ wie gesagt ‒ ein internationaler Schriftstellerverband, der wichtigste weltweit, aufgeteilt in eigenständige nationale Sektionen, die mittels PEN-Charta miteinander verbunden sind. Die Charta stellt die Ziele des freien Wortes, der Völkerverständigung, des interkulturellen Verstehens … in den Vordergrund. Der PEN International ist der Dachverband, und PEN Deutschland ist eines der vielen nationalen Mitgliedszentren mit einer eigenen Geschichte. Die Geschichte nach 1945 führte zu einem westdeutschen und ostdeutschen PEN, die erst 1998 zu einem wiedervereinigten PEN, zum PEN Deutschland, zusammengeführt wurden. Der Verband hielt bis zum Crash in Gotha 2022. Dort hielt sich niemand mehr an die höfische Etikette von „der Gotha“ mit seinen erlauchten Verhaltensregeln. Es kam zu einem unversöhnlichen Streit, so dass der damalige Präsident den Verband als „Bratwurstbude“ bezeichnete und zurücktrat. Der heftige Konflikt resultierte aus Schwierigkeiten mit dem Vorstand und dessen Führung, was bis hin zu Mobbingvorwürfen reichte. Des Weiteren ließ sich eine Kluft zwischen traditionellen und avantgardistischen Einstellungen erkennen. Das betraf auch den Umgang mit neuen Medien und Technologien. Es folgte eine Abspaltung und eine Gruppierung entstand, die sich seit 2022 als PEN Berlin eigenständig etablieren konnte.
Da ich kein zorniger junger Mann mehr war, auch kein zorniger älterer bin, blieb ich dem PEN Deutschland verbunden. Mein Interesse galt und gilt in erster Linie der Literatur, der freigeistigen und dem „esprit libre“
insbesondere. Die organisatorischen Jahrestreffen und Vollversammlungen scheue ich ein wenig, mein Interesse an Organisation und Juristerei ist bescheiden. Von Freunden werde ich gefragt, ob und welchen Nutzen ich vom PEN habe. Habe ich einen? Erhöht eine PEN-Mitgliedschaft das Ansehen in der literarischen und gesellschaftlichen Welt? Jedenfalls werde ich nicht zu Lesungen oder Publikationen eingeladen, weil ich PEN-Mitglied bin. Auch der deutsche PEN hat oder sollte einen internationalen Touch haben, weil Beziehungen zum Ausland wichtig sind. Selber besitze ich eine alte Vorliebe für Indien und eine neuere für Japan und China. Alterität und andere Kulturen sind für mich wichtig.
Die Funktion des PEN ist freilich nicht eigen-, sondern gemeinnützig. Der PEN und seine Mitglieder treten für Meinungsfreiheit, das freie Wort und für den Schutz von Autorinnen und Autoren ein. Ein wenig auch für sich selbst. Mit den relativ hohen Mitgliedsbeiträgen hoffe ich, etwas für bedrängte ausländische AutorInnen zu tun, obschon es hier die Programme „Writers in Prison“ und „Writers in Exile“ gibt, die staatliche Gelder erhalten. Die Hilfe ist angebracht und notwendig ... Mit der Berichterstattung zur Lage in China bin ich allerdings oft unzufrieden. Hinsichtlich des riesigen Landes sollte man nicht nur zweideutige Problemfälle thematisieren, sondern die vielen positiven Anstrengungen in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht anerkennen. Dazu gehören exzellente Bildungs- und Ausbildungschancen, die Gleichstellung der Frau, der Abbau von alter Vorherrschaft sowie eine kollektive Emanzipation. Heinrich Peuckmann (1949‒2023) sah das noch und ermöglichte mir 2021 gemeinsam mit der Deutschen China-Gesellschaft (DCG) eine respektable PEN-Lesung im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln. Dort konnte ich meine Bücher und Manuskripte mit Chinathemen vorstellen, die alsbald von 2019‒2023 als Trilogie im österreichischen Bacopa Verlag herauskamen. Ärgerlich ist, dass deutsche Medien, auch Politiker, bewusst und unbewusst allzu sehr den amerikanischen „Think Tanks“, wenn nicht gar dem CIA, in der Berichterstattung folgen. Da sollte der PEN kritischer sein und Einseitigkeiten im Chinabild vermeiden. Österreich, diplomatisch um einiges geschickter, versteht sich hingegen als ein neutrales Land.
Viele Mitglieder nehmen nur virtuell und übers Internet an PEN-Veranstaltungen teil. Das ist nicht gut. Es gibt Ausnahmen, hoffentlich werden es mehr. Ich nehme regelmäßig mit Freude an den Treffen der PEN Regionalgruppe Rheinland in Köln teil, wobei Berichte, Fachvorträge und kurze Lesungen zu aktuellen Themen im Vordergrund stehen. Selbst konnte ich die Rezeption der Werke von Rolf Dieter Brinkmann vorstellen. Es folgten Veranstaltungen zur Exilliteratur, zum Verhältnis von Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht und besonders zur neu aufgekommenen und umstrittenen KI-Problematik mit rechtlichen und ethischen Konsequenzen. Auch die engagierten Texte und Stellungnahmen zum Thema Frieden passen bestens zum PEN. Die Veranstaltungen der Regionalgruppe Rheinland finden in den Räumlichkeiten von St. Aposteln statt, einer Basilika/Kirche, die auf die romanische Epoche zurückgeht und an Historie denken lässt. Das Rheinland, sagt man, sei gemütlich und katholisch und nett zu Fremden. Dem stimme ich gern zu. Der menschenfreundliche Hintergrund mag als Appell aufs moralische und außermoralische Bewusstsein wirken :)
Außermoralisch? Keine Sorge, es gilt den freien Geist zu stärken, für den Friedrich Nietzsche und modern-postmoderne Nachfolger stehen. Hier beziehe ich den „neu interpretierten Nietzsche“ mit ein, in Frankreich durch Bataille, Foucault, Deleuze …, in Italien durch Gianni Vattimo, in Deutschland durch Peter Sloterdijk ... Die Autoren, die sich im Apostelnstübchen treffen, sind intellektuell gut drauf und up to date. Es sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch Künstler und Gäste, die an den Treffen teilnehmen. Ich schätze das offene Diskussionsforum und den konzentrierten „Seminarcharakter“. Eine chinesische Doktorandin, die über deutsche Literatur promoviert, begleitet mich oft. Der Sprecher unserer Regionalgruppe ist ein Astrochemiker im Unruhestand, Prof. Dr. Kurt Roessler, der Freiligrath schätzt und der das „Junge Deutschland“ im 19. Jahrhundert und die „Neue Sensibilität“ im 20. Jahrhundert kennt. Seit der konstituierenden Sitzung der Regionalgruppe Rheinland 2025 ermöglicht Roessler den BesucherInnen den Blick zu den funkelnden Sternen: Per aspera ad astra …
Seit Juni 2025 hat PEN Deutschland einen neuen Präsidenten: Matthias Politycki, der 2021 bewusst nach Wien zog. Ist er schon Österreicher geworden? Ist das gefährlich? Ja, ich folge nämlich seinen Motiven :) Politycki ist mein Favorit. Er kritisiert ‒ wie ich auch ‒ das deutsche Moralaposteltum sowie den Einfluss von „Wokeness“ und politischer Korrektheit, was die literarische und gedankliche Freiheit in Deutschland beeinträchtigt und einschränkt. Politycki sieht die Freiheit des Denkens und der Fantasie durch Instrumentalisierung der Sprache im gesellschaftlichen Diskurs gefährdet. Das ist wichtig, dass dies jemand sagt, der an der Spitze des PEN Deutschland steht. Erst dieser Präsident führt wirklich ins 21. Jahrhundert und erlöst uns von ideologischen Verknöcherungen. Das sollte angepasste und medial beeinflussbare Geister wachrütteln. Als jemand, der langjährig in Japan und China lebte und arbeitete, sehe ich in vielen Deutschen, auch in manchen Schriftstellern, eingefahrene und beengte Geister, die ihren eigenen „Germanozentrismus“ nicht einmal zu erkennen versuchen. Wie sieht man in Österreich das Thema? Wie sieht es im PEN Österreich aus? Fragen dieser Art schließen sich an. Vielleicht schaltet sich jemand ein, dann käme es zu einer Diskussion …
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Dr. phil. Wulf Noll lebt in Düsseldorf und ist ein ehemaliger Hochschullehrer für deutsche Sprache, Literatur und Philosophie in Japan und China. Er ist zugleich freier Schriftsteller mit derzeit 22 Büchern und einer großen Zahl an literarischen und wissenschaftlichen Artikeln in Journalen und Anthologien. Im Bacopa Verlag erschienen von Noll „Schöne Wolken treffen. Eine Reisenovelle aus China“, „Drachenrausch – Flanieren in China“ und „Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China und Deutschland“.