Nur wenigen ist es gegeben, das geistige Leben abzuschließen, bevor das biologische Leben sein Recht auf ewige Ruhe verlangt. Der Alte Ka, wie er sich auf Chinesisch nannte und wie die chinesischen Freunde ihn riefen, hatte im besten Eifer nur etwa ein Jahr gebraucht, um sein neunzigstes Werk, ein Jahrhundertwerk mit gut 540 Seiten zu vollenden. China und die Gelbe Gefahr https://bacopa.at/verlag/produkt/china-und-die-gelbe-gefahr, so der Titel, sollte im Juni 2022 Anlass für eine internationale Konferenz zum gleichlautenden Thema im Palais Trautson https://bacopa.at/verlag/produkt/china-threat-fact-or-fake (Wien) werden. 
Die geladenen Gäste erschienen alle, sofern es der Flug- und Reiseverkehr erlaubte. Zuvor war der Presseclub in dessen Räumen namens Concordia zur Buchpräsentation gebeten worden. Von den etwa hundert Mitgliedern erschien wohl nur ein einziger. Warum? Gerd Kaminski https://bacopa.at/verlag/autoren/gerd-kaminski galt als China-Versteher. Man muß wissen, „Versteher“ ist seit langem ein Schimpfwort im deutschsprachigen Raum. Wer „versteht“ ist ein Freund, ein Freund der freundlichen Hermeneutik. Er drischt nicht blind ein. 
Aber eben hier liegt die über seinen Tod hinausreichende Bedeutung des von der österreichischen Journaille großenteils abgelehnten Gelehrten. Man unterscheidet heute in der Philosophie eine freundliche und eine feindliche Interpretation. So wird der eine Hörer zum Partner, die andere Hörerin zur Feindin. In letzterem Fall redete man besser: Macht sich diese durch Wortverdrehung und Desinformation selber zur Feindin, ganz gleich ob von China oder von einem „China-Versteher“.
Verstehen ist eine Kunst, es setzt eine Bereitwilligkeit voraus: Zuhören zu können und der anderen Seite das Recht auf eine eigene Meinung einzuräumen, um zu einem Gespräch und nicht zu einer Belehrung zu finden. Das setzt im anstrengenden Sinne viel Humor voraus. Hinter den verschmitzten Äuglein von Gerd Kaminski blitzte immer der Schalk auf, er neigte nicht zur Verbissenheit, deshalb nannte ich ihn gern Buddha.
Aber selbst ein Fo, ein Buddha, kann und mag nicht den Unbilden des Lebens ausweichen. Wir unterhielten uns also bis ans Ende der Todesstunde über eine Widerfahrnis an der Universität Wien. Ein Kollege versuchte die 1978 schließlich erfolgreiche Habilitation zum chinesischen Völkerrecht auf Teufel komm raus zu verhindern. Die Sache ging in die Presse, ja bis ins Österreichische Parlament. Mich wundert es heute nicht, daß besagter Widersacher kaum ein Buch hinterlassen hat, während der vermeintliche Gegner auf eine Sammlung von neunzig Werken zurückblicken kann. 
Gerd Kaminski war von Haus aus Jurist, lernte aber früh zusätzlich Chinesisch und reiste bereits 1972 nach China, als das Land eigentlich noch geschlossen war. Seitdem hat er nicht nur Institutionen in Wien zur Pflege der chinesischen Zivilisation begründet und ein Leben lang geleitet, sondern auch als Ratgeber dem österreichischen Außenministerium gedient, was ihm wohl den Titel „Hofrat“ eingebracht hat, eine Angelegenheit für manchen Scherz zwischen uns beiden. Ob Peking oder Wien, er verkehrte überall mit Kanzlern und Präsidenten. Das war sein Geschick. Zum Segen beider Seiten. 
Der Heimgerufene sah sich als einen „Bemühten“, er bemühte sich um die sinologische Wissenschaft, so wie er sich um die Freundschaft seiner Heimat mit China bemühte. Sein Herz hing an den großen Fragen wie den Menschenrechten, zu denen er eine Konferenz mit chinesischen Gästen veranstaltete, sein Herz hing aber ebenfalls an den vermeintlich kleinen Dingen wie der Pekinger Volkskunde und darüber hinaus. Er war ein herzlicher Gastgeber, so lud er nicht selten zur „Frommen Helene“ am Fuße seines „Palais“ in der Josefstadt ein. Die Spendierhose stand jedesmal weit offen. Er vergnügte sich an seinem Wiener Wasser, während ich den roten Veltliner vorzog.
Wie jeder große Wissenschaftler plante Gerd Kaminski bereits jenseits seines achtzigsten Geburtstags am 14.12. 2022 hinweg. Zwei Studien sollten es noch werden. Er sprach viel von Band 91: Die Tagebücher seines chinesischen Schwiegervaters waren das Thema. Danach wollte er sich den Stadtgöttern widmen, zwischen Peking und Kanton. Nun wird er bei eben diesen und mit diesen seine Wissenschaft fortsetzen. So besehen gibt es keinen Grund zur Trauer, wir haben dankbar zu sein.
Die letzte Tat von Lao Ka war ein Boogie-Woogie mit seiner lieben chinesischen Frau. Hat nicht der große Konfuzianer Meng Zi behauptet, alle Kultur beginne mit dem Tanz? Sollte da nicht gleichfalls ein gelungenes Leben mit einem letzten Tanz enden? Clap your hands!

Wolfgang Kubin 

[中文翻译]
缅怀格尔特·卡明斯基(1942-2022)
只有少数人能在生物层面的生命获得永恒安息之前为精神层面的生命划上句号。老卡,是他对自己的中文称呼,也是中国朋友们对他的称谓。他只用了大约一年的时间,就以极大的热忱完成了他的第九十部著作,一部有540页的世纪之作——《中国与黄祸》,并以此为主题于2022年6月在特劳岑宫(Palais Trautson, https://bacopa.at/verlag/produkt/china-threat-fact-or-fake 坐落在维也纳)举办了国际研讨会。
在客观条件(航班及旅行限制)允许的情况下,受邀的客人都来了。而此前在新闻俱乐部Concordia举行的新书发布会上,其一百多个成员里好像只来了唯一一个。为什么?格尔特·卡明斯基被看作是中国的“理解者”(Versteher)。其实“理解者”在德语区长期以来是骂人的字眼,“理解者”是善意主义阐释学的朋友,并不会盲目地出手。
但这恰恰是这位被奥地利新闻界多数人所拒绝的学者的意义所在,他的意义超越生死。今天人们在哲学中会区别善意和敌意的阐释,因此,有的听众会成为伴侣,而另外的听众则成为敌人。在后一种情况下,更确切地说:就让这些人通过颠倒词句和虚假信息让自己成为敌人吧,不管是因为中国,还是因为“中国的理解者”。
理解是一门艺术,它的前提是有广泛的意愿:能够倾听,并给予对方发表自己意见的权利,以便实现对话而不是进行说教。这其实在很辛苦的意义上需要幽默作为前提。格尔特·卡明斯基那机敏的眼神中总是闪现着一丝调皮,他并不好胜,因此我喜欢叫他佛爷。
但即便是佛陀也不能且不愿规避生活的烦恼。我们谈论到死的一段经历发生在维也纳大学。有位同事不择手段试图阻止一篇以中国国际法为主题的教授论文通过评审,该论文最终在1978年成功获评。此事不仅惊动了媒体,甚至还惊动了奥地利议会。今天,我并不惊讶,上述的反对者几乎没有留下一本书,而所谓的对手却留下了九十部著作。
格尔特·卡明斯基本来是法律专家,但他很早便开始学习中文,并早在1972年就前往当时实际上仍处于封闭状态的中国。从那时起,他不仅在维也纳创立了与中国交往的机构,并终其一生领导其发展,此外他还担任奥地利外交部的顾问,这可能为他赢得了“内廷参事”(Hofrat)的头衔,这也是我们两人会拿来开玩笑的事儿。无论是在北京还是在维也纳,他都与总理、主席们打交道。这是他的能力,也是两国的福祉。
驾鹤西去的他将自己视为“努力者”,他为汉学界而努力,正如他为自己祖国与中国的友谊而努力一样。他心系人权等大事,为此与中国学者组织了一次国际会议;而他也心系北京民俗等等所谓的小事情。他是个好客的主人,经常邀请客人到他在约瑟夫城“寝宫”脚下的饭店“虔诚的海伦”(Frommen Helene)用餐。他待客大方,喜欢喝他的维也纳自来水,而我更喜欢来一杯红维特利纳。
如同每位伟大的科学家,格尔特·卡明斯基的计划已经排在他2022年12月14日的八十岁寿辰之后,他还有两项研究要进行。有关第91本书,他谈了不少:主题是他中国岳父的日记。之后他还要研究城隍爷,要走访于北京和广东之间。现在他应该也到城隍爷那里去了,并和他们一起继续他的学术研究。这样看来我们没有理由悲伤,我们应该心存感激。
老卡的最后一幕是和他亲爱的中国妻子一起跳布吉舞。伟大的儒学家孟子不也说过所有文化都始于乐舞吗?圆满的人生难道不该以最后一支舞蹈结束吗?来一起拍拍手吧!

顾彬