Therapie gegen Mobbing unter jungen Menschen – Hilfe zur Selbsthilfe

Gebt den Kindern ihre Lebenskraft wieder

Therapie gegen Mobbing unter jungen Menschen – Hilfe zur Selbsthilfe

Das Leben um uns wird rauer. Gewalt nimmt zu, nicht nur unter Erwachsenen, sondern vor allem bei Jugendlichen. Selbst unter Kindern im Grundschulalter ist Mobbing an der Tagesordnung. Neue Formen von Kriminalität vergiften das soziale Klima um uns. Umfragen an Berliner Schulen ergeben: Rund ein Viertel der Schülerinnen und Schüler fühlt sich in der Schule nicht mehr sicher. Sie berichten von persönlichen Gewalterfahrungen. Die Ursachen sind vielfältig. Sie liegen im System unserer Gesellschaft begründet. Eltern betroffener Kinder können diese Ursachen nur schwer verändern. Ihnen bleibt: Therapeutische Hilfen in Anspruch nehmen oder die Chancen der Selbsthilfe ausschöpfen. Beide Möglichkeiten will dieser Beitrag näher beleuchten. Ziel ist dabei, Wege zu finden, wie sich die Lebenskraft Chi stärken lässt. Chi ist hier als persönliche Kraft jedes einzelnen Menschen zu verstehen, doch ebenso als gemeinschaftliche Kraft der Gesellschaft. Wo diese Kraft ins Negative umgeschlägt, in Aggression oder Kriminalität, wird es darum gehen, die positive, gemeinschaftsfördernde Chi-Energie zu stärken. Ein gesünderes, konfliktfreieres Zusammenleben in der Gesellschaft könnte so mehr als nur eine vage Hoffnung sein.


Mobbing macht Schule

Die neue Zeit mit Social Media ist voll bei uns angekommen. Natürlich führt sie nicht nur reichlich Segen im Gepäck, sondern auch den einen oder anderen Fluch. Einerseits schafft Social Media unglaublich viele, nie gekannte neue Kontaktmöglichkeiten: Chancen, mit der Welt in Berührung zu kommen. Damit entsteht ein hohes Maß an positiver sozialer Energie1, die das Leben der Menschen bereichert. Doch gleichzeitig wächst das Maß an negativer sozialer Energie an. Berge von sozialem Müll häufen sich. Negative Lebensenergie breitet sich aus. Bislang ungekannte Varianten von Kriminalität entstehen. Mobbing verbreitet sich unter Jugendlichen und schon unter Kindern. Neue Abhängigkeits- und Suchtprobleme treten auf. Sie sind nur schwer zu bekämpfen. Die Gesellschaft steht reichlich unvorbereitet vor diesen Herausforderungen. Polizei, Richter, Pädagogen, Eltern und Politiker, sie alle wirken irgendwie hilflos, wie in Schockstarre erstarrt.

Dieser Beitrag stellt den Versuch dar, anhand einzelner Fälle zu einer Lösung des Mobbingproblems beizutragen. Eine systematische grundlegende Lösung ist noch längst nicht in Sicht. Werfen wir also zunächst einen Blick auf den typischen Mobbing-Alltag eines Jugendlichen.

Die Geschichte eines 15-Jährigen

Hier ist die Geschichte eines 15-jährigen Jungen. Nennen wir ihn Max. In Wirklichkeit heißt er anders. Seine Daten sind bekannt, müssen aber geschützt bleiben, damit die Schwierigkeiten in seinem Leben nicht noch größer werden, als sie schon sind. Max besucht eine Realschule in einer Kleinstadt nahe Stuttgart.

Früher besuchte Max gern ein Fitnessstudio in der Nähe. Doch seit er Nachrichten wie diese von Leuten bekommt, die er nicht einmal genau kennt, traut er sich kaum noch aus dem Haus: "Sollte ich dich sehen wie du uns schief anguckst dann wirst du es bereuen."

Manchmal drohen sie ihm auf der Straße, oft im Vorbeifahren, fünf bis sieben Jungs sind es, etwa 14 bis 17 Jahre alt, und er weiß nicht, was er ihnen getan haben soll. Seit sie hinter ihm her sind, fährt Max nach der Schule immer direkt nachhause. Er meidet bestimmte Orte, vor allem in der Innenstadt, traut sich nicht einmal mehr ins Kaufhaus, um eine Glückwunschkarte zu kaufen.

Was er befürchtet? Dass sie ihn ins Gesicht schlagen, ihn von seinem E-Roller kicken, das Ganze filmen und ins Net stellen. Dort gibt es schon ein Video. Darauf ist sein bester Freund zu sehen. Sie schlagen ihn ins Gesicht. Max rechnet mit ähnlichen Angriffen, ist überzeugt: "Die suchen mich."

An einem Nachmittag, Max war allein zuhause, klingelte und klopfte es an der Haustür. Acht Leute standen da, und sein Freund Jona mit dabei. Er hatte den Schlüssel unter der Matte gefunden und die Haustür schon aufgeschlossen. Als Max schrie "Ich rufe die Polizei", waren sie nach allen Richtungen davongelaufen. Aber Max wusste nun, dass sie wussten, wo er wohnt. Sie hatten seinen Freund Jona unter Druck gesetzt und ihm Schläge angedroht, wenn er ihnen die Adresse nicht verraten würde.

Der Vater von Max erstattete Anzeige bei der Polizei und wandte sich auch an den Schulleiter. Der sagte, er dulde keine Gewalt an seiner Schule. Er habe das Video gesehen, auf dem einer seiner Schüler geschlagen werde. Das sei aber nicht an der Schule, sondern im öffentlichen Raum geschehen. Dafür sei er nicht zuständig, sondern die Polizei. Er könne nur das Gespräch mit den beteiligte Schülern suchen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte in dem Fall, stellte das Verfahren aber ein. Die Polizei empfiehlt, wenn Max wieder auf die Jugendlichen treffe, solle er weglaufen und die Polizei anrufen. Der Vater von Max fragt: "Wie soll der Junge denn weglaufen und zugleich das Handy aus der Tasche ziehen und damit die Polizei anrufen?"

Gewalt unter Jugendlichen breitet sich aus

Über Gewalt unter Jugendlichen weiß man: Täter und Opfer sind meist männlich. Die Polizeistatistik geht für 2025 von 29.070 tatverdächtigen Jugendlichen aus. Das sind etwa ein Prozent der 14 bis 17 Jährigen in Deutschland. Außerdem ist bekannt, dass im gleichen Zeitraum 30.240 Jugendliche Gewalt erlebt haben: Ein weiteres Prozent in dieser Altersgruppe. Doch die Polizei erfährt längst nicht von allen Taten. Die Dunkelziffer ist hoch. Offenbar wird nur jede vierte bis fünfte Körperverletzung unter Jugendlichen angezeigt. Eine deutschlandweite Befragung von Schülerinnen und Schülern ergab: Knapp jeder Fünfte fühlte sich im laufenden Schuljahr mindestens ein bis zwei mal von Mitschülern bedroht. Eine aktuelle Studie an Berliner Schulen ergab: Jeder sechste Schüler fühlt sich an seiner Schule nicht mehr sicher.2 Rund ein Viertel berichtet, ausgegrenzt oder gemobbt, geschlagen, getreten oder geboxt worden zu sein.3 Die Wochenzeitung DIE ZEIT fragt: "Wie gefährlich ist Deutschlands gefährlichste Schule?"4 Vermittende Gespräche scheinen wenig zu bringen. Die Opfer reden nur ungern offen, weil sie weitere Racheaktionen der Täter fürchten. Wie soll die Zukunft eines jungen Menschen aussehen, der unter solchem sozialen Druck aufwächst, dem er nicht entkommen kann?

Therapeutische Hilfen

Eine aktuelle Studie, (COPSY-Studie (COrona und PSYche), durchgeführt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf5, zeigt: Vor allem Depressionen, psychische Auffälligkeiten und Ängste nehmen bei jungen Menschen zu. Auch das Thema „Einsamkeit“ spielt eine zunehmend stärkere Rolle. Ein weiteres bedenkliches Ergebnis: 40 Prozent der Kinder ab sieben Jahren benutzen digitale Medien regelmäßig mehr als vier Stunden pro Tag. Wobei die Folgen und die entstehenden Abhängigkeiten unterschiedlich beurteilt werden. Sie müssen noch genauer untersucht werden.

Therapeutische Hilfe kann darin bestehen, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken, innere Kraft zu mobilisieren, damit es aus seiner Opferrolle herauskommt. Die Hypnosetherapie hat das Ziel, auf einer unbewussten Ebene Ressourcen zu finden, um innere Stabilität aufzubauen. Während der Therapie soll die Identität der Person gestärkt bzw. gefunden werden. Es geht um die Frage: Wer bin ich überhaupt? Vor allem aber geht es darum, ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein aufzubauen. Das kann der oder die Betroffene letztlich nur selbst – von innen heraus – tun. Es geschieht während der Hypnose, in der man in eine Art „Trancezustand“ geht. Dies ist ein natürlicher Vorgang. Jeder Mensch kann ihn erreichen.

Ein Beispiel aus der therapeutischen Praxis

Dazu folgendes Beispiel6: Ein Junge im Grundschulalter wird in der Schule gemobbt. Er hat Angst, in der Pause den Schulhof zu betreten. Die Therapeutin arbeitet mit dem Kind im Beisein eines Elternteils. Als erstes versucht sie gemeinsam mit dem Jungen in seiner inneren Welt einen Beschützer zu finden. Konkret soll das Kind selbst ein Bild oder eine Vorstellung von seinem eigenen Beschützer entwickeln. Die therapeutische Arbeit geschieht hier nicht mit Suggestionen. Dem Jungen wird nicht vorgegeben, was er in seinem Inneren zu finden hat. Er findet bei dieser Methode sein Bild selbst. Nach aller Erfahrung können Kinder das prolemlos und ziemlich gut, denn sie sind meist noch sehr viel enger mit ihrem Unbewussten im Kontakt als Erwachsene. Der Junge findet das Bild eines Bären, der stark ist. Die Therapeutin regt nun einen Dialog mit dem Bären an: "Frag den Bären, ob er dich beschützt? Frag mal, ob er immer bei dir ist? Frag den Bären, ob er auch mit dir in die Schule geht – und ob er auch in der Pause für dich da ist.

Das Kind empfindet: "Da ist immer jemand bei mir, der mich schützt." Kinder können ihren inneren Beschützer, in diesem konkreten Fall den Bären, genau bei sich spüren. Sie können beispielsweise exakt sagen, ob der Bär sich links oder rechts neben ihnen befindet. Ebenso sind sie imstande, sein Fell und seine Wärme zu spüren oder mit ihm zu sprechen

Dem Kind gelingt es in der Therapie, ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen. Seine Körperhaltung, der Gesichtsausdruck, seine Energie und seine Ausstrahlung verändern sich durch die Vorstellung des inneren Beschützers. Damit ist der erste Schritt getan, das Mobbing zu beenden.

 

Zur Therapie passt gut der folgende Text. Der Autor dieses Beitrags hat ihn mehrfach in der Therapie mit Kindern eingesetzt. Der Text eignet sich, seine heilende Wirkung zu entfalten, wenn man ihn betroffenen Kindern vorliest, am besten wiederholt an verschiedenen Tagen. Das kann in Kindertagestätten geschehen, ebenso in Grundschulen oder durch die Eltern zuhause. Als "Gute-Nacht-Geschichten" abends vor dem Einschlafen vorgelesen oder als "Guten-Tag-Geschichte", um einen neuen Tag zu begrüßen - die Texte wirken in gleicher Weise. Dass Literatur heilende Wirkung hat, weisen zahlreiche Studien zur Bibliotherapie überzeugend nach.7 Bibliotherapie ist die Lehre von der heilenden Wirkung literarischer Texte. Heilende Geschichten haben sich seit langem in der Therapie mit Kindern bewährt.8

Fazit: Therapeutische Literaturtexte stärken die Persönlichkeit ihrer Leserinnen und Leser. Sie entgiften soziale Energie und helfen gegen Mobbing.

Hier ist der Text selbst. Er ist als Arbeitstext gedacht und daher abwandelbar. Er kann beim Vorlesen oder beim freien Erzählen leicht verändert werden:

BÄRENKRÄFTE

Ich heiße Max i m i l i a n. Alle nennen mich Max.

Ich bin neu hier, neu in der Wohnung, neu im Haus, neu in der Stadt, neu in der Schule.

Gleich am ersten Tag in der neuen Klasse ist es passiert: Ein Schlag gegen meine Hand und mein Frühstücksbrot flog quer durch das Klassenzimmer.

Zwei Jungs meinten: "Deine Mutter hat dir Kaninchenfutter als Frühstück eingepackt." Nur weil zwischen dem Käse auf dem Brot ein Salatblatt lag.

Der Lehrer hat nichts gesehen. Die anderen in der Klasse haben auch nichts gesehen. Mein Hunger war weg, ohne Frühstück.

Auf dem Schulhof wollten die beiden Jungs mit mir kämpfen. "Du hast keine Muskeln", sagten sie."Das kommt vom Kaninchenfutter."

"Verpiss dich!" "Hau ab!" riefen sie. "Schlaffis wie dich brauchen wir hier nicht!" "Wir machen dich fertig!" "Geh dorthin, wo du herkommst!"

Ich rannte weg. Es schellte. Die Pause war zuende. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Auf dem Heimweg versteckte ich mich im Gebüsch, als sie kamen. Ich ging hinter Gartenzäunen in Deckung. Ich duckte mich hinter Mülltonnen und hinter den Baumstämmen im Park. Bis sie endlich fort waren.

In der ersten Nacht in der neuen Wohnung hatte ich einen Traum: Ein Bär saß auf dem Stuhl neben meinem Bett. Zuerst brummelte er so vor sich hin. Ab und zu blinzelte er zu mir herüber. Doch dann sprach der Bär zu mir so, wie Menschen sprechen. "Ich kann dir Kraft geben von meiner Kraft", sagte er. "Wenn du willst, kann ich dich beschützen." Er sagte mir auch, wie das geht.

Am nächsten Tag setze ich mich auf den Stuhl neben dem Bett in meinem Zimmer. Ich atme einfach nur. Wie von selbst atme ich ein und aus, - ein und aus, - ein und aus. - Immer wieder. Ich tue nichts anderes als nur atmen. So hatte es mir der Bär gesagt. Ein, aus, ein, aus, ein, aus. Immer wieder. Weiter nichts.

Ich spüre, wie ich allmählich immer ruhiger werde, und ich atme weiter ein, aus, ein, aus, ein, aus, immer weiter.

Irgendwann verändert sich etwas. Meine Füße fühlen sich an, als ob sie Kraft aus der Erde aufnehmen.

Bilder entstehen vor meinen Augen. Zuerst sehe ich sie etwas verschwommen, dann deutlicher.

Ich erkenne den Bären aus meinem Traum wieder. Er steht neben mir. Ganz vorsichtig legt er mir

seine Tatze auf die Schulter. Kraft strömt von ihm zu mir herüber, warm und stark.

 

2Katja Gerland: "Die suchen mich". Ein Junge hat Angst, rauszugehen. Der Grund: andere Jungen, die ihn bedrohen. Warum hilft ihm niemand? In: DIE ZEIT Nr. 32 vom 23. Juli 2026, S. 3

3 www.zeit.de › gesellschaft › 2026-06 Gewalt gehört an Berliner Schulen laut aktueller Studie zum... vom 22. Juni 2026

4In einem Beitrag mit dem gleichen Titel von Anna-Elisa Jakob, Paul Lütge und Stella Schalamon, in: DIE ZEIT Nr. 37, vom 27.08.2026, S. 11

5 Thomas Kron: COPSY-Studie: Die Psyche von Kindern und Jugendlichen leidet weiterhin

(05.12.2024); www.univadis.de › viewarticle › copsy-studie-psyche-kindern, abgerufen am 24.07.2025

6Das Beispiel berichtet die Ärztin und Therapeutin Kirsten Kossel aus ihrer Praxis, vgl. dazu den Beitrag "Jung in Zeiten der Krise – Hypnotherapie für Teenager“ www.naturundmedizin.de › jung-in-zeiten-der-krise-hypnothera, abgerufen am 25.07.2025

7Martin Duda, Friedhelm Munzel: Handbuch Bibliotherapie. Grundlagen und Praxis therapeutischen Lesens, Stuttgart 2024

8Günter Harnisch: Wie Kinder innerlich zur Ruhe kommen. Phantasiereisen für Kinder mit ihren Eltern, Freiburg i. Br. 1998

Dr. Günter Harnisch, Jurist und Psychologe, hat viele Jahre therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Als Sachbuchautor sind von ihm rund 50 Bücher über gesunde spirituelle Lebensführung erschienen. Viele davon sind Bestseller.