English Made in China. Lange und längere Gedichte. Aus dem Chinesischen, kommentiert und eingeleitet von Wolfgang Kubin

Von Ouyang Jianghe (Autor/in)., Wolfgang Kubin (Nachwort)., Christiana König (Layout und Satz). | 188 Seiten | Erschienen: 12. 08. 2026 | ISBN: 9783991141433 | 1.Auflage

Ouyang Jianghe gehört nicht zu der Hermetischen Schule, welche die 80er Jahre bestimmte. Er trat eher als Kritiker dieser Richtung in den 90er Jahren hervor, denn er konzentrierte sich mit anderen wie dem früh verstorbenen Zhang Zao auf die Sprache als alleiniges Medium wahrer Poesie.

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Erschienen am 12. August 2026

  • Mit den Reformen ab 1979 tritt in China die Literatur auf die Weltbühne zurück, darunter insbesondere die Lyrik. Heute nennen sich dort eine Millionen Menschen Dichter, ob Frau, Kind oder Mann. 
  • Nach der hermetischen Generation mit dem weltberühmten Vertreter Bei Dao an der Spitze hat sich ab den 90er Jahren im Rahmen einer wirtschaftspolitischen Neuordnung der Welt ein neuer poetischer Zeitgeist herausgebildet: die skeptische Hinterfragung eines jeden einzelnen Wortes unabhängig von jeglicher Politik. 
  • Ouyang Jianghe hat hiermit seinen Weltruhm begründet. Sein jüngstes Werk gilt als unübersetzbar. Der Bonner Sinologe und Poet Wolfgang Kubin hat in vielen Jahren der Qual versucht, sein Bestes zu geben. 

Inhaltsverzeichnis

Teil I
English Made in China (2014)
Der Planet Ägypten (2019)
Das alte Qingdao (2020)
Zwischenkaffee (2020)
Garten der Mützen (2020)
Su Wu weidet Schafe (2020)
Ein Hügelchen an hoher See (2021)
Die Wege des Algorithmus, die Wege von Buddha (2021)
In grauer Vorzeit (2021)
Der Patriarch der Sakya-Schule als Statue (2021)

Teil II
Ein altes Photoalbum (2015)
Der Garten von Stephen Hawking (2016)
Die Ahnenhalle des Qu Yuan am Miluo (2018)
Adonis ist da! (2018)
Der Brunnen des Cai Lun (2019)
Der Tiger von Borges (2019)
Flüstern zu Allerseelen (2020)
Fragmente einer lyrischen Sprache im Medienzeitalter (2016)
Die Tusche und der Quantum Boy (2018)
Seed Cinema (2020)

English Made in China
Die Leutchen hier, was sprechen die bloß für ein Englisch?
Die Aussprache stammt wohl von Marsmännchen,
ohne alte Scholle, ohne Status, ohne Nationalität.
Beim Zoll, wenn es gilt, den Paß aufzutischen,
fischen sie Sonette heraus,
Wort für Wort, bis nichts Geistiges mehr zu angeln bleibt.

Sie unterzeichnen nach Art von Schneeflocken
mit dem Namen der Sonne.

Sie kauen eifrig Kaugummi,
doch die Zähne sind ihnen längst ausgegangen.
Sie möchten hohe Nasenrücken implantieren,
fürchten jedoch deren tiefen Fall. Der Charme
ihres Gekritzels fliegt dahin, mir nichts, dir nichts, 
die Nasallaute flaumig gleitend, die Konsonanten 
ihrer Zungenspitzen: Krallen eines Lämmchens.
Kinder mit Stimmbruch quakend wie Frösche, krächzend wie Hühner,
im Streit, so daß Städter nicht schlafen können. 

Klebt dem Englischen die Marke Made in China auf!
Wäre das nicht ein Spaß? Zwanzig Jahre später
werden Amis aus China Englisch importieren.
China wird für Sichuanesisch und Kantonesisch
zwei Paßkontrollen einrichten, zwei Pflichtfächer.
Sichuanesisch wird Englisch für Inder.
In Hongkong aber fegt der Singsang von Kantonesinnen 
hinweg die Schnellippigen mit dem Oxforder Ton.  

Falls ein Computerspezialist kein Englisch spricht,
warum sollte er sich nicht auf Sanskrit versuchen,
Altchinesisch reden oder Latein?
Wenn elegant, gibt es ein elegantes Ende,
gutes Englisch macht einen längst überdrüssig,
klingt nach Imperialismus und Kolonie.
Gesprochen wirkt es, als verträte jemand alle
beim Reden, beim einsamen Sprech,
Englisch, da verbleiben als Rest neunhundert Sätze.

Falls das Englisch eines Diplomaten,
nicht wie Shakespeare oder Virginia Woolf,
vielmehr wie Li Bai, wie Konfuzius, das ginge auch an.
Bitte einem Banker erlauben,
zu Lebzeiten den Tölpel zu machen oder den Barbar.

Dörfler werden beaufsichtigen die Anglistik aller Länder.
An einem Staatsrat haben sie keinerlei Interesse.
Banken und Versicherungen, wer will sie wem reichen?
Alles in allem stehen Militärstützpunkte auch zur Verfügung.
Eine Flotte dringt ins Hinterland der Wüste,
der Admiral gönnt sich einen Umtrunk aus den Händen des Maats 
und kniet vor den Gefallenen, ein Schluck, das war es.
Will der Frieden wirklich an der Schale des Krieges knabbern?

Wer immer mit poetischem Laut antritt, ist aufgeschmissen.
Welcher gemeine GI sieht schon die Aussprache 
von Latein als eine große Sache an? 
Die Kunst der Rhetorik, ihr Wechsel, ihr Nerv, ach,
sie vermag dem griechischen Geist die Existenz zu entnehmen,
wenn ein Wörterschmied befähigt ist, ihr zu folgen. 
Unsere Poesie war ein später Lenz, ein Spiegelbild der Jugend, 
man gewann dem Dinglichen die Schönheit von Chinesisch ab,
um sich so dem Erdreich verbindlich zu zeigen.

Träume sind falsch, Zungenspitzen aber sind wahr. 
Wie könnten Träume ohne Schmetterlinge bleiben,
das Wahre aber frei davon sein?

Zu guter Letzt bedienen sich die Leutchen eines Soft English,
reden die Geschichte gänzlich wund,
heißen Arroganz beim Sprechen den Kopf zu senken.
Götter neigen sich dank ihrer Überlegenheit.
Frauen tragen hochhackige Schuhe vor sich verkehrt herum,
ihr Gesäß, so hoch, entschuldigt sich. 
Warum hängt ihnen erst im Alter, nicht 
jetzt schon die Brust herab?
Gleich dem Wasser, das ausströmend, wenn schnell,
umfangen wird, ein reifer Busen,
der es aus begrenzter Sprache ins Weite brausen läßt.

Lehrerinnen gehen schwanger mit Kindern der Einbildungskraft.
Trunken, klammern sie sich an die Realität und deren Sinn,
mit der Kraft von Großmüttern gebären sie Illusionen wie diese. 
Denn die Kinder von Hilfswörtern gehen schwanger fern dem Mutterleib.
Ein Fötus spürt göttliches Seufzen
schwingend in sich selbst. 

Zeit zur Pausengymnastik, Grundschüler
schreiten zur Brustvergrößerung in einem Füllwort.
Die grammatischen Arme eines Satzes mit Inversion erliegen dem Fragesatz.
Der Morgen streckt sich unbewußt ins Tiefe.
Die Umgangssprache, sie erhebt kräftig ihre Hintern in die Höhe.
Der Schularzt hat bei der Inspektion den Mund voller Nebensätze,
die Heilkunst und die Krankengeschichte, eigentlich knirscht beides mit den Zähnen.

Englisch erfand zwei Fahrräder,
fuhr Altchinesisch zum Himmel hinauf.
Schon immer war es eine Sache nach Vogelart,
langsam wurde es zur Menschenart.
Kreisende Stummheit, öffnete es die Flügel des Imperialismus,
am Nachthimmel blinken kleine Metallaugen.
Zu guter Letzt vermag Englisch sich zu echter Sprachlosigkeit zu entwickeln.
Musik und Meereswellen schallen erhaben,
doch Fischaugen an des Menschen Leib
haben noch immer nicht ihren Sitz gefunden. 
Birnen folgen der Mär vom Apfel,
Adam und Eva entwickelten sich zuletzt,
konnten werden zur rituellen Formel des Gebetes,
sie fügten sich Konfuzius in seinem alten Chinesisch. 
Denn die Welt des Meisters weist ein Jetzt weit von sich.

Die Heutigen halten mit den Alten im Rückzug nicht mit.
Eine lautlose Stimme von eben der Art: Das Wasser versiegte,
doch noch im Fluß der Stimme,
überall erblickt, aber kaum zur Sprache gebracht. 
Der Neid der Zeichen: Blattläuse verzehren sich selbst.

Ein paar Zeichen Orakelknochen reichen hin ein Leben lang. 
Englisch, vom Buch der Wandlungen ausgewrungen,
hat jäh die Zeit verloren.
Da spricht’s, hinab zur Tiefe der Hörkraft im Erdinneren,
weg mit Verkrustung, weg mit Versteinerung, weg mit dem Picken.
Gerechtes DDVP spuckt dreitausend Feuerzungen. 
 
Aber wieviel Parfüm Englisch auch sprühen mag
auf den Geruch von Kampfer tut nichts zu Sache.
Indianer halten Englisch für Mundgeruch.
Kurz und bündig: Für ein Original gibt es geformt keine Übersetzung.

Und schwierig ist‘s, Englisch das Maul für die Präsidentenwahl zu öffnen.
Beamtensprache ward zum lichten Mond, zum hohlen Beleuchtungskörper,
lebendig wie Handarbeit, eine Stimme, eingetaucht ins eiserne Herz.
Niemand kennt das Negativ kommunistischer Bewegung, die Bitte
um ihre Geschichte, heimlich von der Wallstreet an die Historie übergeben.
Auch hat niemand das Wunder einer Kunqu Oper herausgehört:
Derlei Spiel, braucht man sich nicht anzutun.  
Der Nachrichtensender CNN befindet sich dem Vernehmen nach
nicht in Nordamerika, auch nicht in Südchina. 
Schöne Worte, nichts dahinter. 

Der amerikanische Traum hat seinen Träumen ein Hörgerät 
verpaßt: Die Stimme Amerikas spricht automatisch.
Und was ist mit den Ohren, die sich Obszönes zumuten? 
Eine Wolke ist der Chef, vermag jedoch keine Sekretärin anzustellen.
Nichts will über die Lippen, schon ist es verloren.
Chinesische Zeichen auf einem Schwert sind alle bewegliche Typen,
ohne groß in Boulevardblättern zu erscheinen. 
Sinn fern aller Worte: Gib heraus Geschenke, die du nicht besitzt.

Dieses Studio mit Standardaussprache,
diese abstrakten Fremden im eigenen Land,
bis hin zu den Wesen, inkognito treibend am Sternenhimmel,
nach dem Verlust von Staub und Heimatdialekt
bringen sie nicht eine Silbe Englisch heraus.

Englisch ist bei ihnen fast tierischer Natur,
mit den Krallen eines alten Tigers grabscht es die Welt.
So greift sich auch die Katzensprache den Menschen, 
mit ihrem Juckreiz und Fauchen.
Amerikanisches Englisch schmerzt das Erdreich, 
mit der Angst vor den Krallen eines alten Tigers
grabscht sie, so wie ein Kätzchen zugreift.
Diese warme Inneneinrichtung ist fast wie reine Wolle. 

Auch eine Sonne bedarf der Batterie, um zu leuchten.
Die Sonne des Englischen sinkt fahl am Himmel,
diese Sonne, vom Herzen geschaffen,
findet letztlich am Mund die Position einer Lampe.

Die Sonne weilt den Winter über in stammelndem Dunkel.
Die Ärmel ihrer Strahlen am Leib des Englischen
wirken blasser noch als alte Kragen. 
Der TOEFL-Test ist wie ein Kaugummi unter der Sohle,
er macht das Leben zum fremden Ort und fremd die Person.
Ein leichter Ton ist kein Verbrechen, aber er nimmt den Akzent weg.

Das Gute ist, der Singsang gehört keinem Amt für Einwanderung.
Selbst ein rein gewaschener Shakespeare wird von der Sonne gepeitscht.
Warum vergessen Nachrichten, das Licht auszumachen?
Zeitungen von gestern mit ihren veralteten Reden
werden nach Gewicht verscherbelt.
Was den Lippen verbleibt ist das gebrochene Herz.

Englisch sind vom Traum die Ohren zugehalten.
falls nicht die großen Daten der Menschen herabgenommen,
wird getarntem Militär die Uniform ausgezogen.
Falls nicht die Sprache der Steine, spreche man den Blumen zum Gehör.
falls nichts Ungesprochenes verbleibt,
verbleibe es der irdischen Welt.

Februar 2014

Nachschrift

Wenn er auch am Ende seines Lebens eine Honorarprofessur an der Pekinger Hochschule von Peking erhalten hat, so ist Ouyang Jianghe im Gegensatz zu nicht wenigen heute weltberühmten chinesischen Dichtern, die auch schreiben bzw. auch unterrichten, kein klassischer Akademiker. Bedingt durch die Kulturrevolution (1966-1976) und deren Nachwehen ist er Zeit seines Lebens "nur" Poet gewesen. Anfangs hat er sich als Liebhaber klassischer Musik seinen Lebensunterhalt durch Empfehlungen von Schallplatten etc. an Musikverlage verdient. Heute lebt er von seinen Kalligraphien. Pro chinesischem Zeichen werden zehntausend Yuan gezahlt bzw. um ein mehrfaches versteigert. 
Ouyang Jianghe gehört nicht zu der Hermetischen Schule, welche die 80er Jahre bestimmte. Er trat eher als Kritiker dieser Richtung in den 90er Jahren hervor, denn er konzentrierte sich mit anderen wie dem früh verstorbenen Zhang Zao auf die Sprache als alleiniges Medium wahrer Poesie. Dabei erweiterte er die Grenzen des Sagbaren so weit, daß er sich selber nicht mehr verstand. Man muß daher in ihm einen “Schamanen” sehen, durch den trotz aller Konkretheit eine metaphysische Dichtung von sich aus spricht. 
Ouyang Jianghe wurde 1956 in der Schnapsstadt Luzhou (Sichuan) geboren, zog aber wie viele Verseschmiede Ende der 70er Jahre nach Peking um, wo er seitdem lebt und mit der Filmwelt zusammenarbeitet. Obwohl ohne Hochschulabschluß ist der Poet aufgrund seiner Belesenheit einer der wichtigsten Intellektuellen Chinas, da er öffentlich unerschrocken und eloquent zu denken wagt. Für seine bislang vierzehn Gedichtbände ist er mit zig Preisen in China ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem hochdotierten Magnolien Preis von Shanghai. Übersetzungen und Sekundärliteratur zu ihm liegen hauptsächlich auf deutsch vor, seitdem er Ende 90 Jahre auf Schloß Solitude bei Stuttgart für ein halbes Jahr seine Aufwartung mit vielen Lesungen gemacht hatte. 
Mittlerweile gehört Ouyang Jianghe zu den angesehensten Dichtern der Welt. 

Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich mit der ISBN: 9783991141440 zum Preis von 19,99 in einem Shop Ihrer Wahl.

Rezensionen und Stimmen der Leserschaft

Wulf Noll:


Ouyang Jianghe. English made in China. Lange und längere Gedichte. Aus dem Chinesischen, kommentiert und eingeleitet von Wolfgang Kubin. Bacopa Verlag, Schiedlberg/Österreich 2026, 189 S., 24,80 Euro. ISBN 9783991141433.

Die Ausführungen Walter Höllerers zum langen Gedicht sind mir bekannt, lange Gedichte sind philosophisch, sie lassen ein einfaches Verständnis nicht zu. Doch philosophische Texte sind nie rätselhaft, sie klären auf, poetische Texte tun das nicht. Sie bleiben rätselhaft, lassen allenfalls kurze Lichtblicke und kleine Erleuchtungen zu. Der Übersetzer bekundet selbst, dass er vor rätselhaften Schwierigkeiten stand, das dürfte vom Rezensenten ebenfalls gelten. Allerdings ist mir Ouyang Jianghe nicht unbekannt, ich konnte eine Rezension zu seinem Werk „Der Doppelphönix“ verfassen, das ebenfalls aus einem Langgedicht und längeren Gedichten besteht. 1 Ouyang Jianghe (geb. 1956) gehört der posthermetischen Richtung (Hou-Menglong Shipai) in der chinesischen Gegenwartslyrik an, gemeinsam mit Wang Jiaxin (geb. 1957) und mit Zhang Zao (1962-2010).

„Der Doppelphönix“ inspirierte; der Geist der Veränderung, der Aufschwung, ja, das Libidinöse im „Doppelphönix“, sprachen mich an. Vieles war dunkel, mysteriös, aber aufwärtsstrebend. Lässt sich Ähnliches von „English made in China“ sagen? Nicht so durchgängig. Ich erinnere mich gern an meine nicht nur poesiebegeisterten StudentInnen in Ningbo und Qingdao, die von „Chimerica“ sprachen und dass China nicht nur ebenbürtig, sondern dem Westen kulturell überlegen sei. Mir gefiel das, der sogenannte Westen hat wirtschaftlich, kulturell und menschlich stark abgewirtschaftet. Im Titelgedicht „English made in China“ geht es um diese Amerikaner, denn sie „werden aus China ihr Englisch importieren“. Doch hier spricht ein Dichter, die Poesie steht im Mittelpunkt, nicht die Polemik: „Unsere Poesie war ein später Lenz, ein Spiegelbild der Jugend, / man gewann dem Dinglichen die Schönheit von Chinesisch ab, um sich so dem Erdreich verbindlich zu zeigen.“ 2
Das titelgebende Gedicht ist neun Seiten lang und bemüht Moderne und alte Mythologien. Zu ihrer Zeit sorgten die Mythologien für Klarheit, das tun sie in unserer Zeit nicht mehr. Die Inhalte, aus der Erinnerung hervorgeholt, sind dekonstruktiv. Besitzen sie noch Wahrheitsgehalt? Sind sie noch interessant? Gelegentlich ja, wenn die Inhalte in einem anderen Kontext aufscheinen: Adam und Eva fügen sich Konfuzius. Und ein „paar Zeichen Orakelknochen reichen hin ein Leben lang. / Englisch, vom Buch der Wandlungen ausgewrungen, / hat jäh die Zeit verloren“ (S.11). Doch Ouyang lässt die Moderne in seinem Langgedicht nicht draußen, Wallstreet und Kungqu-Oper berühren sich, „WeChat und Lucky Money“ (S. 126) kommen dazu. Aber der Dichter ist nicht nur dunkel, sondern auch satirisch, und die USA geraten ins Hintertreffen: „Der amerikanische Traum hat seinen Träumen ein Hörgerät / verpasst: Die Stimme Amerikas spricht automatisch“ (S.12).

Eine poetische Auseinandersetzung mit dem Westen ergäbe eine klare Linie, aber die hat Ouyang Jianghe offenbar nicht. Das nachfolgende Langgedicht „Der Planet Ägypten“ springt in eine andere alte Kultur und setzt die Zeichen anders. „Planet Ägypten“ meint die 5000 Jahre alte ägyptische Hochkultur, die chinesische Kultur könnte mit ihr konkurrieren. Der allwissende Leser ist aber noch nicht geboren worden, wie soll er all die Gottheiten und Dynastien vor sich hersagen können? … Die Bibliothek von Alexandria, die im Gedicht mehrfach Erwähnung findet, von ptolemäischen Königen betrieben, setzt literarische und philosophische Akzente. Sie stammt aus dem dritten Jahrhundert vor und reicht bis ins dritte Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Wir müssen keine Ägyptologen sein, poetisches Interesse genügt. Der Dichter spielt mit dem Verständnis des Lesers: Die „Zeit wird von Halluzinationen eingeteilt, Vergangenheit und Zukunft / sind keinesfalls eingleisig, einmal verschwunden, kehren sie ununterbrochen wieder“. Dann noch etwas komplexer: „das Wiedererscheinen späterer Generationen aber bleibt erneut verborgen in einem früheren Entschwinden“ (S. 23 und ähnlich S. 27).

Ein Aufhänger ist das Bild, die Metapher „Pyramide“. Pyramiden sind die Begräbnisstätten der Könige, der Pharaonen, die von hier aus ihren Weg in den Himmel zu den Göttern und zum höchsten Gott des Reiches, dem Sonnengott Re, nahmen. Ouyang Jianghe lässt diese Richtung nach oben bestehen, er sieht sogar „Himmel über den Himmeln“, freilich ohne respektierlich zu sein: „Anfang der Schöpfung, der Sonnengott zürnte vergeblich allem Sein, ein Niesen entwarf die Welt“ (S. 19). Zwar war China zu allen Zeiten grundlegend pragmatisch ausgerichtet, aber im Daoismus kam es doch zu paradoxen Gegenentwürfen, die auch im Chan-bzw. Zen-Buddhismus anzutreffen sind. Die Pragmatiker beziehen ihre Ordnung vom Himmel, der sich auf der Erde im Reich der Mitte spiegelt, die Metaphysiker (Daoisten, Zen-Buddhisten) schießen über das Ziel hinaus und suchen wie Lie Zi nach „der Kunst, auf dem Wind zu reiten“ 3 oder folgen dem „Aufstand der Zauberer“.4 Meister Ouyang steht dazwischen. Für ihn ist „die Pyramide stets nahe“, und doch gibt es keine Antwort: „Eine moderne Seele, wie sollte sie diese Himmelsfrage, schwer von Träumen, beantworten?“ (S. 29) Die Antwort gelingt nicht. Als Chinese hat er viel zu viel Respekt vor dem Himmel im Gegensatz zu mir, der ich fröhlich dekonstruktiv in einem frühen Gedicht „eine Pyramide nach unten“ entwarf.5    

Als Dichter genießt man dichterische Freiheiten, als Wissenschaftler nicht. Auch der Leser genießt diese Freiheiten und kann man mit unserem mysteriösen Dichter durch die poetischen Gefilde schweben. Die alten Griechen kannten ihrerseits das Hinaufschweben (pathos) und das Hinabsinken (bathos). Das geschieht so bei Ouyang Jianghe auch. Mal gleitet man nach oben, mal stürzt man in den Abgrund, manche hoffen dabei auf Erleuchtung (Satori). In seinem langen Gedicht „Die Wege des Algorithmus, die Wege von Buddha“ kommt es zu stark gemischten Erkenntnissen. Das zeitlose Alter der „Abakuskugeln“, dessen „Klacken“ auf ländlichen Märkten in China noch zu hören ist, wird vom Algorithmus in den Rechenmaschinen und Computern grundsätzlich abgelöst (S. 57).

Der Vorgang erfährt eine philosophische Zuspitzung: „Der Algorithmus blinzelt, Buddhas Handflächen sind beieinander. / Die acht mentalen Methoden werden gewendet und winden sich, / sie bilden Kreise überlappender Phantomglieder, / bilden einen gemeinschaftlichen Kreis“ (S. 62). Man glaubt, in einem ZEN-Kloster zu sitzen: „Das Selbst, befreit entzieht es sich“ (ib.). Aufmunternd bei der Lektüre ist, dass die „tausendhändige Guanyin“, auch die „Sichuaner Oper“ zwischendurch im Gedichttext aufblitzen und die Stimmung verändern. Kritik, auch Satire lässt der Dichter zu, wenn er von einem „fetten Rattenchor auf der Kopfstraße der PhDs“ spricht. Mag er am Ende keine Doktoren? Oder stellt er bloß sine ira et studio Sachverhalte fest, was ohnehin auf lapidare Weise feststeht: „Frühling und Herbst, Punkt und Komma, Klassik und Moderne“ wechseln einander ab (S. 58).

Ein Glück für den Leser, dass kurze Gedichte wie „Das alte Qingdao“ und „Zwischenkaffee“ folgen. Das alte Qingdao! Wie alt? Von 1898-1914 war es von Deutschen unter Wilhelm II. als Kolonie in Besitz genommen ... Bleiben wir beim „Zwischenkaffee“. Da wird man von Ouyang in den poetischen Zustand versetzt: „Diese eine Tasse ist wesentlich ein Kaffee der Wolken, / zu trinken gen Sonnenglanz und ihrem Wesen, man trinkt heraus das Dunkle der Nacht, / gen psychische Abteilung trinken, da läßt sich der Animismus herbeitrinken“ (S. 35) ... Das ist nicht schlecht; hier wird der Dichter durchaus authentisch als Psychonaut aufgefasst, sonst eher als poeta doctus oder als poet critic. Aber ob es bis zum Animismus gehen muss, sei dahingestellt.

Dazu kommt es auch nicht, der poetische Kontext bleibt im Vordergrund: „Wolkenkaffee war für Majakowski / stets eine Wolke mit Socken, / für Li Bai ein Vogel über dem Jingting Shan“ (ib.) ... Was heißt das? Menschen sind stets auf der Suche nach ihrem Weg und nach sich selbst. Symbolisch gesehen, befinden die heutigen Menschen sich nicht nur in China zwischen einer „unsichtbaren Stadt und Groß Shanghai“, „zwischen „halbem Ich und massenhaftem Ich.“ Selbstentfremdet, erreichen sie sich selbst nicht mehr, was für den Dichter ebenfalls gilt, der aber darüber Bescheid weiß. Immerhin bleibt eine Erkenntnis, die Erkenntnis der Unsicherheit und der Relativität: „Das Paradies ist auch nicht sicherer als diese Tasse Kaffee“, die wahrscheinlich gleich vom Tisch fällt (S. 36).     

Nur einige Poeme kann ich betrachtend auswählen, in der Hoffnung, dass dies den einen oder anderen Leser zur Lektüre anregt. Das könnte das Gedicht „Adonis ist da!“ sein, das einen Stimmungswechsel vermuten lässt. Wer denkt nicht an den wunderschönen Jüngling und Geliebten der Aphrodite? Nach einem heftigen Streit zwischen der Liebes- und der Unterweltgöttin fasste der großmütige Zeus den weisen Entschluss, dass Adonis einen Teil des Jahres bei Aphrodite in der Oberwelt und den anderen bei Persephone in der Unterwelt verbringen soll. Wie schön! Tiefsinnige polyamore Verhältnisse reichen bis weit in die Antike, aber auch ins chinesische und japanische Altertum zurück. Wolfgang Kubin weist allerdings in einer Anmerkung darauf hin, dass „Adonis“ auch das Pseudonym des berühmten syrisch-libanesischen Dichters Ali Ahmad Said ist, der mit seiner neuartigen Dichtung unter einem mythischen Namen für die moderne arabische Lyrik steht und deshalb von Ouyang in sein „Hohes Lied“ der Poesie aufgenommen wird.

Ezra Pound beeindruckte in seinen „Cantos“ durch formale Gestaltung. Das ist bei Ouyang Jianghe in seinen Prosagedichten weniger der Fall. Trotzdem lässt der Dichter eine eigene Haltung erkennen. In dem Großgedicht „Fragmente einer lyrischen Sprache im Zeitalter von eigenen Gnaden (2016)“ (S. 114-139) – und nicht bloß im technischen Zeitalter ‒ werden die Überlagerungen gefeiert: „Man kann die Sprache des Netzes benutzen, eine Sprache auf Leben und Tod.“ Die Fänge, die ins Netz gehen, sind in Qualität und in Quantität nicht vorhersehbar. Überlagerungen, Netze …, dass man als Dichter dabei „einen westlichen Anzug über einer Kleidung aus der Tang-Zeit tragen“ kann (S. 128), lässt an eine postmoderne Dichtungskonzeption denken. Diese besteht im „doppelten Code“ bzw. in der „Mehrfachcodierung“, die von Denkern am Ende des 20. und mit Beginn des 21. Jahrhunderts herangezogen wurde, wenn etwas modern und postmodern zugleich sein soll. Ouyang, der chinesische Dichter, mischt da mit paradoxen Äußerungen mit. Er neigt jedoch zu daoistischen Übertreibungen und Zuspitzungen, wenn er schreibt: „Ein kartesianischer Fluchtpunkt: / Ich denke, also existiere ich nicht“ (S. 129).

Möchte er Descartes umdrehen? Das geht nicht und wäre falsch: Die vermeintliche Gedankenfreiheit des Buddhismus oder anderer Mystiken im „erlösten Zustand“ kann das Denken nicht ersetzen. Der „erlöste Zustand“ ist eine Fiktion. Solange wir leben, denken wir. Das gilt nicht nur für europäische Denker, sondern für chinesische Denker seit Mo Zi, Kong Zi, Meng Zi ebenso. Deren aktualisierendes Rezeptieren erfordert ein Weiterdenken. Das möchten Daoisten, die paradox denken, nicht unbedingt wissen. Wenn manche Metaphern Ouyang Jianghes in „English made in China“ fragwürdig und dunkel bleiben, hängt das auch damit zusammen, dass sich das Bewusstsein des Dichters – und damit der Dichtung – wegen der vielen neuen Einbrüche des Dystopischen verdunkelt („die Terroristen in der Tiefe der Wolken nehmen die Perücken ab“, S. 103). Das klingt noch harmlos, aber die Apokalypse droht längst. Das Weltbild hat den geordneten Rahmen verloren. Zukünftig herrscht keine Ruhe, sondern Unruhe. Alle Fluchtwege, selbst das Dichten, werden hinfällig. Das gefällt auch dem Dichter nicht, der in „einer Sprache auf Leben und Tod“ den Wirrnissen trotzen und dem dystopischen Untergang letztendlich doch etwas entgegensetzen möchte.

1  Wulf Noll, Ouyang Jianghe. Der Doppelphönix: Ein Langgedicht sowie andere längere Poeme, Gedichte in chinesischer Schrift und deutscher Übersetzung aus dem Chinesischen mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Kubin, In: minima sinica. Zeitschrift zum chinesischen Geist, Heft 31 (2019), Ostasien Verlag, Großheirath, OT Gossenberg 2020, S. 355-359.
2  Ouyang Jianghe, English made in China, S. 7 und S. 9. Die folgenden Zitate sind allesamt im Text vermerkt.
3  Vgl. Klassiker des chinesischen Denkens, Bd. 8: Lie Zi, Von der Kunst, auf dem Wind zu reiten. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Wolfgang Kubin, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2017.
4  Ich beziehe mich hier auf: Der Aufstand der Zauberer. Ein Roman aus der Ming-Zeit in der Fassung von Feng Menglong nach Luo Guanzhong, herausgegeben und übersetzt von Manfred Porkert, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009.
5  Pyramide, in: Wulf Noll, Des Rheinturms feine Spitze sticht gen Himmel. Neue deutsche Lyrik, München 1986, S. 103. Erfasst wird in sechs kleinen Passagen die „pyramide nach unten, / der bau alptraum /der durch’s lichtlose zieht“.
6  Der eingangs erwähnte Walter Höllerer gründete 1961 die Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“, die bis heute fortbesteht. Mit dem „technischen Zeitalter“ geht die Sprache allerdings nicht konform; sie leistet Widerstand gegen die Vereinnahmung. Ob Ouyang Höllerer noch kennen lernte, weiß ich nicht. Ouyang war erstmalig im Jahr 2002 Teilnehmer auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin.

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“In den letzten beiden Nächten habe ich mit großem Genuss den Gedichtband von Ouyang Jianghe gelesen und dich als Übersetzer sehr bewundert. Es gibt eine ganze Reihe von Passagen, die ich nicht verstehe, aber andere, die mir ausnehmend gut gefallen und mich überzeugt haben, dass es ein wirklich sehr guter Dichter ist (der das Glück hat einen sehr guten Übersetzer zu haben!)”

ISBN9783991141433
Auflage1
Sprache(n) Deutsch
Erschienen2026
Seitenzahl188
Cover Hardcover
Autor/in Ouyang Jianghe (Autor/in) , Wolfgang Kubin (Nachwort) , Christiana König (Layout und Satz)

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