English Made in China. Lange und längere Gedichte. Aus dem Chinesischen, kommentiert und eingeleitet von Wolfgang Kubin

Von Ouyang Jianghe (Autor/in)., Wolfgang Kubin (Nachwort)., Christiana König (Layout und Satz). | 140 Seiten | Erscheint voraussichtlich: 15. 08. 2026 | ISBN: 9783991141433 | 1.Auflage

Ouyang Jianghe gehört nicht zu der Hermetischen Schule, welche die 80er Jahre bestimmte. Er trat eher als Kritiker dieser Richtung in den 90er Jahren hervor, denn er konzentrierte sich mit anderen wie dem früh verstorbenen Zhang Zao auf die Sprache als alleiniges Medium wahrer Poesie.

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Erschient voraussichtlich im Sommer 2026

Inhaltsverzeichnis

Teil I
English Made in China (2014)
Der Planet Ägypten (2019)
Das alte Qingdao (2020)
Zwischenkaffee (2020)
Garten der Mützen (2020)
Su Wu weidet Schafe (2020)
Ein Hügelchen an hoher See (2021)
Die Wege des Algorithmus, die Wege von Buddha (2021)
In grauer Vorzeit (2021)
Der Patriarch der Sakya-Schule als Statue (2021)

Teil II
Ein altes Photoalbum (2015)
Der Garten von Stephen Hawking (2016)
Die Ahnenhalle des Qu Yuan am Miluo (2018)
Adonis ist da! (2018)
Der Brunnen des Cai Lun (2019)
Der Tiger von Borges (2019)
Flüstern zu Allerseelen (2020)
Fragmente einer lyrischen Sprache im Medienzeitalter (2016)
Die Tusche und der Quantum Boy (2018)
Seed Cinema (2020)

English Made in China
Die Leutchen hier, was sprechen die bloß für ein Englisch?
Die Aussprache stammt wohl von Marsmännchen,
ohne alte Scholle, ohne Status, ohne Nationalität.
Beim Zoll, wenn es gilt, den Paß aufzutischen,
fischen sie Sonette heraus,
Wort für Wort, bis nichts Geistiges mehr zu angeln bleibt.

Sie unterzeichnen nach Art von Schneeflocken
mit dem Namen der Sonne.

Sie kauen eifrig Kaugummi,
doch die Zähne sind ihnen längst ausgegangen.
Sie möchten hohe Nasenrücken implantieren,
fürchten jedoch deren tiefen Fall. Der Charme
ihres Gekritzels fliegt dahin, mir nichts, dir nichts, 
die Nasallaute flaumig gleitend, die Konsonanten 
ihrer Zungenspitzen: Krallen eines Lämmchens.
Kinder mit Stimmbruch quakend wie Frösche, krächzend wie Hühner,
im Streit, so daß Städter nicht schlafen können. 

Klebt dem Englischen die Marke Made in China auf!
Wäre das nicht ein Spaß? Zwanzig Jahre später
werden Amis aus China Englisch importieren.
China wird für Sichuanesisch und Kantonesisch
zwei Paßkontrollen einrichten, zwei Pflichtfächer.
Sichuanesisch wird Englisch für Inder.
In Hongkong aber fegt der Singsang von Kantonesinnen 
hinweg die Schnellippigen mit dem Oxforder Ton.  

Falls ein Computerspezialist kein Englisch spricht,
warum sollte er sich nicht auf Sanskrit versuchen,
Altchinesisch reden oder Latein?
Wenn elegant, gibt es ein elegantes Ende,
gutes Englisch macht einen längst überdrüssig,
klingt nach Imperialismus und Kolonie.
Gesprochen wirkt es, als verträte jemand alle
beim Reden, beim einsamen Sprech,
Englisch, da verbleiben als Rest neunhundert Sätze.

Falls das Englisch eines Diplomaten,
nicht wie Shakespeare oder Virginia Woolf,
vielmehr wie Li Bai, wie Konfuzius, das ginge auch an.
Bitte einem Banker erlauben,
zu Lebzeiten den Tölpel zu machen oder den Barbar.

Dörfler werden beaufsichtigen die Anglistik aller Länder.
An einem Staatsrat haben sie keinerlei Interesse.
Banken und Versicherungen, wer will sie wem reichen?
Alles in allem stehen Militärstützpunkte auch zur Verfügung.
Eine Flotte dringt ins Hinterland der Wüste,
der Admiral gönnt sich einen Umtrunk aus den Händen des Maats 
und kniet vor den Gefallenen, ein Schluck, das war es.
Will der Frieden wirklich an der Schale des Krieges knabbern?

Wer immer mit poetischem Laut antritt, ist aufgeschmissen.
Welcher gemeine GI sieht schon die Aussprache 
von Latein als eine große Sache an? 
Die Kunst der Rhetorik, ihr Wechsel, ihr Nerv, ach,
sie vermag dem griechischen Geist die Existenz zu entnehmen,
wenn ein Wörterschmied befähigt ist, ihr zu folgen. 
Unsere Poesie war ein später Lenz, ein Spiegelbild der Jugend, 
man gewann dem Dinglichen die Schönheit von Chinesisch ab,
um sich so dem Erdreich verbindlich zu zeigen.

Träume sind falsch, Zungenspitzen aber sind wahr. 
Wie könnten Träume ohne Schmetterlinge bleiben,
das Wahre aber frei davon sein?

Zu guter Letzt bedienen sich die Leutchen eines Soft English,
reden die Geschichte gänzlich wund,
heißen Arroganz beim Sprechen den Kopf zu senken.
Götter neigen sich dank ihrer Überlegenheit.
Frauen tragen hochhackige Schuhe vor sich verkehrt herum,
ihr Gesäß, so hoch, entschuldigt sich. 
Warum hängt ihnen erst im Alter, nicht 
jetzt schon die Brust herab?
Gleich dem Wasser, das ausströmend, wenn schnell,
umfangen wird, ein reifer Busen,
der es aus begrenzter Sprache ins Weite brausen läßt.

Lehrerinnen gehen schwanger mit Kindern der Einbildungskraft.
Trunken, klammern sie sich an die Realität und deren Sinn,
mit der Kraft von Großmüttern gebären sie Illusionen wie diese. 
Denn die Kinder von Hilfswörtern gehen schwanger fern dem Mutterleib.
Ein Fötus spürt göttliches Seufzen
schwingend in sich selbst. 

Zeit zur Pausengymnastik, Grundschüler
schreiten zur Brustvergrößerung in einem Füllwort.
Die grammatischen Arme eines Satzes mit Inversion erliegen dem Fragesatz.
Der Morgen streckt sich unbewußt ins Tiefe.
Die Umgangssprache, sie erhebt kräftig ihre Hintern in die Höhe.
Der Schularzt hat bei der Inspektion den Mund voller Nebensätze,
die Heilkunst und die Krankengeschichte, eigentlich knirscht beides mit den Zähnen.

Englisch erfand zwei Fahrräder,
fuhr Altchinesisch zum Himmel hinauf.
Schon immer war es eine Sache nach Vogelart,
langsam wurde es zur Menschenart.
Kreisende Stummheit, öffnete es die Flügel des Imperialismus,
am Nachthimmel blinken kleine Metallaugen.
Zu guter Letzt vermag Englisch sich zu echter Sprachlosigkeit zu entwickeln.
Musik und Meereswellen schallen erhaben,
doch Fischaugen an des Menschen Leib
haben noch immer nicht ihren Sitz gefunden. 
Birnen folgen der Mär vom Apfel,
Adam und Eva entwickelten sich zuletzt,
konnten werden zur rituellen Formel des Gebetes,
sie fügten sich Konfuzius in seinem alten Chinesisch. 
Denn die Welt des Meisters weist ein Jetzt weit von sich.

Die Heutigen halten mit den Alten im Rückzug nicht mit.
Eine lautlose Stimme von eben der Art: Das Wasser versiegte,
doch noch im Fluß der Stimme,
überall erblickt, aber kaum zur Sprache gebracht. 
Der Neid der Zeichen: Blattläuse verzehren sich selbst.

Ein paar Zeichen Orakelknochen reichen hin ein Leben lang. 
Englisch, vom Buch der Wandlungen ausgewrungen,
hat jäh die Zeit verloren.
Da spricht’s, hinab zur Tiefe der Hörkraft im Erdinneren,
weg mit Verkrustung, weg mit Versteinerung, weg mit dem Picken.
Gerechtes DDVP spuckt dreitausend Feuerzungen. 
 
Aber wieviel Parfüm Englisch auch sprühen mag
auf den Geruch von Kampfer tut nichts zu Sache.
Indianer halten Englisch für Mundgeruch.
Kurz und bündig: Für ein Original gibt es geformt keine Übersetzung.

Und schwierig ist‘s, Englisch das Maul für die Präsidentenwahl zu öffnen.
Beamtensprache ward zum lichten Mond, zum hohlen Beleuchtungskörper,
lebendig wie Handarbeit, eine Stimme, eingetaucht ins eiserne Herz.
Niemand kennt das Negativ kommunistischer Bewegung, die Bitte
um ihre Geschichte, heimlich von der Wallstreet an die Historie übergeben.
Auch hat niemand das Wunder einer Kunqu Oper herausgehört:
Derlei Spiel, braucht man sich nicht anzutun.  
Der Nachrichtensender CNN befindet sich dem Vernehmen nach
nicht in Nordamerika, auch nicht in Südchina. 
Schöne Worte, nichts dahinter. 

Der amerikanische Traum hat seinen Träumen ein Hörgerät 
verpaßt: Die Stimme Amerikas spricht automatisch.
Und was ist mit den Ohren, die sich Obszönes zumuten? 
Eine Wolke ist der Chef, vermag jedoch keine Sekretärin anzustellen.
Nichts will über die Lippen, schon ist es verloren.
Chinesische Zeichen auf einem Schwert sind alle bewegliche Typen,
ohne groß in Boulevardblättern zu erscheinen. 
Sinn fern aller Worte: Gib heraus Geschenke, die du nicht besitzt.

Dieses Studio mit Standardaussprache,
diese abstrakten Fremden im eigenen Land,
bis hin zu den Wesen, inkognito treibend am Sternenhimmel,
nach dem Verlust von Staub und Heimatdialekt
bringen sie nicht eine Silbe Englisch heraus.

Englisch ist bei ihnen fast tierischer Natur,
mit den Krallen eines alten Tigers grabscht es die Welt.
So greift sich auch die Katzensprache den Menschen, 
mit ihrem Juckreiz und Fauchen.
Amerikanisches Englisch schmerzt das Erdreich, 
mit der Angst vor den Krallen eines alten Tigers
grabscht sie, so wie ein Kätzchen zugreift.
Diese warme Inneneinrichtung ist fast wie reine Wolle. 

Auch eine Sonne bedarf der Batterie, um zu leuchten.
Die Sonne des Englischen sinkt fahl am Himmel,
diese Sonne, vom Herzen geschaffen,
findet letztlich am Mund die Position einer Lampe.

Die Sonne weilt den Winter über in stammelndem Dunkel.
Die Ärmel ihrer Strahlen am Leib des Englischen
wirken blasser noch als alte Kragen. 
Der TOEFL-Test ist wie ein Kaugummi unter der Sohle,
er macht das Leben zum fremden Ort und fremd die Person.
Ein leichter Ton ist kein Verbrechen, aber er nimmt den Akzent weg.

Das Gute ist, der Singsang gehört keinem Amt für Einwanderung.
Selbst ein rein gewaschener Shakespeare wird von der Sonne gepeitscht.
Warum vergessen Nachrichten, das Licht auszumachen?
Zeitungen von gestern mit ihren veralteten Reden
werden nach Gewicht verscherbelt.
Was den Lippen verbleibt ist das gebrochene Herz.

Englisch sind vom Traum die Ohren zugehalten.
falls nicht die großen Daten der Menschen herabgenommen,
wird getarntem Militär die Uniform ausgezogen.
Falls nicht die Sprache der Steine, spreche man den Blumen zum Gehör.
falls nichts Ungesprochenes verbleibt,
verbleibe es der irdischen Welt.

Februar 2014

Nachschrift

Wenn er auch am Ende seines Lebens eine Honorarprofessur an der Pekinger Hochschule von Peking erhalten hat, so ist Ouyang Jianghe im Gegensatz zu nicht wenigen heute weltberühmten chinesischen Dichtern, die auch schreiben bzw. auch unterrichten, kein klassischer Akademiker. Bedingt durch die Kulturrevolution (1966-1976) und deren Nachwehen ist er Zeit seines Lebens "nur" Poet gewesen. Anfangs hat er sich als Liebhaber klassischer Musik seinen Lebensunterhalt durch Empfehlungen von Schallplatten etc. an Musikverlage verdient. Heute lebt er von seinen Kalligraphien. Pro chinesischem Zeichen werden zehntausend Yuan gezahlt bzw. um ein mehrfaches versteigert. 
Ouyang Jianghe gehört nicht zu der Hermetischen Schule, welche die 80er Jahre bestimmte. Er trat eher als Kritiker dieser Richtung in den 90er Jahren hervor, denn er konzentrierte sich mit anderen wie dem früh verstorbenen Zhang Zao auf die Sprache als alleiniges Medium wahrer Poesie. Dabei erweiterte er die Grenzen des Sagbaren so weit, daß er sich selber nicht mehr verstand. Man muß daher in ihm einen “Schamanen” sehen, durch den trotz aller Konkretheit eine metaphysische Dichtung von sich aus spricht. 
Ouyang Jianghe wurde 1956 in der Schnapsstadt Luzhou (Sichuan) geboren, zog aber wie viele Verseschmiede Ende der 70er Jahre nach Peking um, wo er seitdem lebt und mit der Filmwelt zusammenarbeitet. Obwohl ohne Hochschulabschluß ist der Poet aufgrund seiner Belesenheit einer der wichtigsten Intellektuellen Chinas, da er öffentlich unerschrocken und eloquent zu denken wagt. Für seine bislang vierzehn Gedichtbände ist er mit zig Preisen in China ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem hochdotierten Magnolien Preis von Shanghai. Übersetzungen und Sekundärliteratur zu ihm liegen hauptsächlich auf deutsch vor, seitdem er Ende 90 Jahre auf Schloß Solitude bei Stuttgart für ein halbes Jahr seine Aufwartung mit vielen Lesungen gemacht hatte. 
Mittlerweile gehört Ouyang Jianghe zu den angesehensten Dichtern der Welt. 

Bacopaverlag

ISBN9783991141433
Auflage1
Sprache(n) Deutsch
Erschienen2026
Seitenzahl140
Cover Hardcover
Autor/in Ouyang Jianghe (Autor/in) , Wolfgang Kubin (Nachwort) , Christiana König (Layout und Satz)