Teil Eins: Bericht aus China
Ende März 2026 kamen in der chinesischen Stadt Tianjin mehr als 300 führende Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen. Anlass war ein Roundtable großer multinationaler Unternehmen, der dem bekannten „Sommer-Davos“-Format vorausging 1.


Die Konferenz drehte sich um vier Schwerpunkte: wie KI die Industrie verändert, wie man Innovation fördert, wie Technologie dem Menschen und der Umwelt dient, und wie die Region Nordchina wachsen kann. Eine der Parallelveranstaltungen trug den Titel „Chinesische Medizin und die Gesundheitsindustrie“. Die Teilnehmer dieser Veranstaltung diskutierten drei große Themen: die Modernisierung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), Künstliche Intelligenz (KI) und globale Wertschöpfungsketten.


Ein Hauptredner war mein chinesischer Doktorvater Professor Zhang Boli, ein angesehenes Mitglied der Chinesischen Akademie der Ingenieurwissenschaften 2. Er betonte: Die Traditionelle Chinesische Medizin ist zwar uralt, aber ihre Grundprinzipien – etwa die ganzheitliche Betrachtung des Menschen oder die individuell angepasste Behandlung – passen sehr gut zu den neuesten Erkenntnissen der modernen Medizin. Damit die TCM weltweit anerkannt wird, müsse man ihre wissenschaftliche Essenz in der Sprache von heute erklären können.


Besonders spannend ist für Professor Zhang der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie. Diese Technologien könnten die TCM mit anderen Disziplinen verschmelzen und so völlig neue Behandlungsformen, Geschäftsmodelle und Wachstumschancen schaffen. Wissenschaftliche Spitzenforschung solle zur „Schlüsselvariable“ werden, die die TCM entscheidend voranbringe.


Drei Ideen brachte Zhang Boli dazu vor:
1. Wirkung wissenschaftlich belegen: Klinische Erfahrung und Forschung müssen gleichwertig sein. Die heilende Wirkung von TCM soll durch strenge Studien nachgewiesen werden – man will genau verstehen, welche Inhaltsstoffe wie wirken.


2. Weltweit gültige Standards schaffen: China engagiert sich stark in der internationalen Normungsorganisation für traditionelle Medizin (ISO/TC 249/SC 1). Bisher wurden dort 134 internationale Standards veröffentlicht, an fast der Hälfte war China beteiligt. Das ist die Grundlage für weltweite Anerkennung.


3. Austausch und Ausbildung fördern: Man braucht Fachleute, die sowohl TCM als auch internationale Regeln verstehen. Außerdem soll die TCM besser in Chinas „Belt and Road“-Initiative eingebunden werden, um wirklich der globalen Gesundheit zu dienen.


In den Diskussionen ging es vor allem um drei Fragen: Wie wird TCM modernen Anforderungen gerecht? Wie verknüpft man wissenschaftliche mit wirtschaftlicher Innovation? Und wie kann die TCM aus China heraus Menschen weltweit helfen?
Praktische Beispiele hierzu gab es ebenfalls: Ein Unternehmer berichtete, wie sein Unternehmen vom reinen Produktdenken zu ganzheitlichen Gesundheitslösungen übergegangen ist – mit Angeboten sowohl für ältere als auch für jüngere Menschen.
Ein Professor für Informatik zeigte KI-Modelle für Akupunktur, Massage und TCM-Diagnosen. Ein Pharmamanager erklärte, wie intelligente Erkennung von Rohstoffen, automatisierte Fertigung und große KI-Modelle schon heute in der Arzneimittelentwicklung helfen. Er forderte mehr Leitlinien für die Entwicklung von medizinischen Lebensmitteln, um Marktchancen zu nutzen.


Am Ende des Treffens einigten sich die Teilnehmer auf drei Kernpunkte:
- TCM ist sowohl traditionsreich als auch hochmodern. Sie beweist ihren Wert besonders bei der Vorsorge für ältere Menschen, für chronisch Kranke und sogar für junge Leute.


- TCM gehört längst der ganzen Welt – sie ist in 196 Ländern und Regionen vertreten. Alle Beteiligten müssen nun zusammenarbeiten, um sie weiterzuentwickeln.


- KI wird die treibende Kraft für eine hochwertige TCM der Zukunft sein. Man solle KI aktiv nutzen und passende Anwendungen entwickeln.


Am Rande der Konferenz traf Professor Zhang Boli mit einem Direktor des Weltwirtschaftsforums zusammen, um internationale Zusammenarbeit zu besprechen. Außerdem gab es Gespräche mit Kasachstan über Sicherheit und nachhaltige Nutzung von TCM-Ressourcen.


Zum Abschluss besuchten die Gäste die Universität für Traditionelle Chinesische Medizin in Tianjin. Sie sahen sich moderne Labore, einen TCM-Markt und ein nationales Lehrzentrum für Akupunktur an. So konnten sie hautnah erleben, wie Tianjin die Traditionelle Chinesische Medizin mit Hightech und Innovation in die Zukunft führt.


Professor Zhang und sein Team nehmen Mitte August dieses Jahres an Konferenzen in der Schweiz und Deutschland teil, um den internationalen Austausch zu zum Thema Akupunktur und TCM zu fördern und neue Verbindungen zu knüpfen.

Teil Zwei: Was bedeutet diese Entwicklung für Phytotherapeuten in Europa?
Positive Aspekte der KI Nutzung beim Anbau
Die Nutzung von künstlicher Intelligenz kann die Qualität der Arzneipflanzen bei der Aufzucht und Verarbeitung, sowie der Logistik unterstützen. Viele Arzneimittel in China werden heute aus Kostengründen im falschen Boden mit Düngern und künstlichem Licht und sowie anderen „Turbo“-Bedingungen angebaut, was zu einem Nachlassen der Wirkung führen konnte und daher sogar in der chinesischen Bevölkerung zu einem schlechteren Werturteil über die TCM geführt hat, wie ich letztes und dieses Jahr in vielen persönlichen Gesprächen feststellen konnte.


Den gleichen Effekt bekamen die Produzenten von Treibhaustomaten vor 20 Jahren zu spüren, als man entdeckte, daß die Qualität von Obst und Gemüse auch von den Anbaubedingungen abhängt und der Ruf nach Bio-Produkten zunahm. Hier bestand auch in China dringender Handlungsbedarf:


Man führte 2022 standartisierte Anbaubedingungen (GAP) ein, um beispielsweise das Saatgut zu verbessern und durch Kis die Rückverfolgbarkeit vom Saatgut bis zum fertigen Produkt zu gewährleisten. Auch der Öko-Anbau wird seit 2024 offiziell als landwirtschaftliche Schlüsseltechnologie anerkannt. Er ahmt die natürliche Umgebung der Pflanzen nach, verzichtet auf Pestizide und fördert so die Biodiversität und die natürliche Widerstandsfähigkeit der Pflanzen. Durch neue wassersparende Technologien, organische Düngung und integrierten Pflanzenschutz konnten auch die Grenzwerte für Pestizide gesenkt in nicht-ökologisch angebauten Pflanzen reduziert werden 3.


Positive Aspekte der KI Nutzung beim der Anwendung:
Neue und mit wissenschaftlicher Methodik ausgeführte Studien zu den Wirkungen der Arzneimittel können für Nutzung und Bewilligung der TCM bei Behörden, Versicherungen und Krankenhäusern hinzugezogen werden, um die häufige Ablehnung wegen „fehlender wissenschaftlichen Nachweise“ zu widerlegen und unseren Patienten einen besseren Zugang zur Arzneimitteltherapie zu ermöglichen.
Ein Übernehmen oder höhere Zuzahlung der Kosten von geprüften TC-Arzneimitteln wie in der Schweiz üblich, wäre somit auch in anderen Ländern nicht mehr fern.


Negative Aspekte der KI Nutzung
Eine Diagnoseerstellung durch künstliche Intelligenz bei der mündlichen Anamnese ist in China bereits jetzt möglich, wird aber vom Großteil der Bevölkerung im Vergleich als schlechter beurteilt, da es sich hierbei um Standardfragen handelt, welche nicht auf die zielführende Erfahrung eines TCM-Arztes aufgebaut sind, sondern mit KI-Standardmodellen arbeiten.


Theoretisch wäre auch die Bildauswertung bei der Zungendiagnose durch KI möglich, ist aber fast so umstritten, wie die im Taiwan der 90er Jahre experimentelle elektronische Pulsdiagnose, welche sich dort nicht durchsetzen konnte. 
In meinen Chinareisen im September 2025 und März 2026 befragte ich knapp 100 Personen der Bevölkerung in Tianjin, Beijing, Kunming und Hangzhou zu ihrer Meinung hinsichtlich chinesischer Medizin. Abgesehen von Gefühl „das die Arzneien nicht mehr so gut wirken wie früher“, wurde eine maschinelle Erstellung der Arzneimittel-Rezeptur sehr negativ beurteilt.


Wie wir wissen, würden dann nämlich wie in der Schulmedizin die Symptome der Krankheit, nicht aber die dynamische Krankheitssituation des Kranken berücksichtigt, welche aber in der aktuellen Anwendung der chinesischen Medizin große Flexibilität bei der Anpassung an den aktuellen Zustand und die Reaktion des Patienten auf die Therapie erfordert. Hier wurde der Einsatz von „TCM-Robotern“ von den meisten Befragten abgelehnt. Ein Einsatz einer KI als Ersatz für einen TCM-Therapeuten hätte somit unweigerlich eine Verschlechterung in Diagnose und Arzneimittelkombination.


Fazit:
Der Einsatz künstlicher Intelligenz in der chinesischen Medizin bietet unbestritten Vorteile bei der Verbesserung der Arzneimittelqualität, und den oft behördlich oder durch Versicherer geforderten wissenschaftlichen Nachweisen.


Viele meiner Patienten klagen über die gestiegenen Preise der Arzneien, welche oft durch viele Hände gehen:
Vom Anbauer in China zum Großhändler und Exporteur nach Taiwan und von dort vom verarbeitenden Unternehmen zum europäischen Importeur und dann widerum über die Apotheken schließlich zum Patienten gelangen. Sicher sind hier durch eine KI auch Transportkosten möglich, aber wenn die im Transport gefallenden Kosten auch an unsere Patienten weitergegeben werden könnten, wäre es durchaus wünschenswert, auch wenn es nicht unbedingt der menschlichen Natur entspricht, finanzielle Vorteile weiterzugeben.


Bei Diagnose könnte der Einsatz von KI vielleicht eine klärende Vorarbeit leisten:
Ein weitergehender Einsatz dort wie besonders in der Therapie steht aber dem der TCM inhärenten Prinzip entgegen, nämlich nicht nur jeden Kranken als Einzelfall individuell zu beurteilen, sondern auch dessen Veränderung und Reaktion auf die Therapie, je nach wechselnden Bedingungen anzupassen, damit Faktoren wie Urlaub, Jahreszeit, Stress und Nahrungsmittel als Einflüsse von Ort, Zeit, Psyche und Ernährung in die Erstellung einer aktuellen Rezeptur einfliessen können, anstatt generische Formeln für fixe Erkrankungen zu erzeugen, wie es bereits in der westlichen Medizin üblich ist.


Beim Einsatz in der Chirurgie erweisen sich KI-gestützte Roboter zwar als nützlich und sinnvoll, doch bei der auf Erfahrung basierenden intuitiven und daher individuellen Kombination chinesischer Arzneimittel, kann das generische Model einer KI derzeit und vielleicht niemals ein vollwertiger Ersatz sein.


Gunter Neeb, Taunusstein im Mai 2026

1 https://baike.baidu.com/item/2026跨国企业圆桌会/67506723
2 https://www.tjutcm.edu.cn/info/1039/2831.htm
3 https://cisema.com/news/chinese-pharmacopoeia-2025-implementation-guidelines und https://english.nmpa.gov.cn/2025-06/11/c_1102157.htm