TCM-Rezepturen, die Toxische-Hitze ausleiten
Im folgenden Artikel soll eine Rezeptur, die laut Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) „Toxische-Hitze“ ausleiten kann, sowie ihre Entsprechung aus westlichen Kräutern vorgestellt werden.
Derartige Rezepturen leiten laut der Literatur dieses traditionellen Heilsystems überschüssige Hitze aus dem Bereich des Dreifachen Erwärmers aus und sind bei den folgenden Symptomen indiziert: Fieber, Reizbarkeit, Brechreiz oder Brechen, Hautrötungen, Nasenbluten, sowie bei verschiedenen Arten von Entzündungen. Der Begriff der „Toxischen-Hitze“ unterscheidet sich vom Begriff der Hitze durch das Auftreten von Eiter sowie einem allgemeinen Krankheitsgefühl des Patienten. Oft tritt „Toxische-Hitze“ in Kombination mit folgenden Merkmalen auf: Rötung, Schwellung, Schmerzen, sowie ein Krankheitsgefühl.
Der chinesische Begriff der Toxischen-Hitze lautet „Re Du“. Dieser Begriff kann sich auf mehrere Dinge beziehen: auf eine Krankheitsursache, die pathologischen Mechanismen einer Krankheit oder die Toxizität - also die Giftigkeit - einer Substanz. In diesem Artikel wird der Begriff der „Toxischen-Hitze“ mit den Krankheitsursachen bzw. den klinischen Syndromen, nicht jedoch mit der Toxizität einer Substanz in Zusammenhang gebracht.
In der chinesischen Medizin besteht eine Differenzierung zwischen Yin- und Yang- „Toxischer-Hitze“. Die nun folgende Rezeptur „Huang lian jie du tang“ kann zum Ausleiten einer Yang- „Toxischen-Hitze“ eingesetzt werden.
Viele der chinesischen Kräuter wie Rhz. Coptidis (Huanglian), Rdx. Scutellariae (Huangqin), Ctx. Phellodendri (Huangbai) sowie Rdx. et Rhz. Rhei (Dahuang) weisen in der chinesischen Bezeichnung das Wort „Huang“ auf. Dieses bedeutet „gelb“ und ist ein Hinweis auf die in den Kräutern enthaltenen Gerbstoffe.
Diese sind bitter-kalt und können eingesetzt werden, um Toxische-Hitze auszuleiten. Es gibt kaum einen Teilbereich innerhalb der Phytotherapie, in dem die chinesischen Kräuter derart gut durch westliche Kräuter ersetzt werden können. Diese westlichen Kräuter wie beispielsweise: Rhabarberwurzel, Enzianwurzel, Löwenzahnwurzel, Stiefmütterchen, Tausendguldenkraut, Augentrost, Bärentraubenblätter, etc., können mit gutem Gewissen an Stelle der oben angeführten chinesischen Kräuter eingesetzt werden.
Alle bitter-kalten Kräuter verletzten das Yang-Qi, und dürfen nur eingesetzt werden, wenn entsprechende Hitze-Symptome vorliegen. Wenn sie ohne entsprechende Indikation eingenommen werden, verletzen sie das Milz-Yang. Solange der Zungenkörper jedoch rot ist, die Zunge einen gelben Belag aufweist, Patienten nicht müde sind und keinen Durchfall entwickeln, können diese Kräuter eingesetzt werden.
Erst wenn Patienten müde werden, Durchfall mit Resten unverdauter Nahrungsmittel entwickeln, der Zungenbelag weiß und der Zungenkörper blass wird, sollten alle oben angeführten Kräuter nur mehr in Kombination mit wärmenden Kräutern verschrieben werden.
Huang lian jie du tang
(Coptidis-Dekokt, das toxische Wirkungen lindert)
Rhz. Coptidis (Huanglian) 9 g Kaiserkraut
Rdx. Scutellariae (Huangqin) 6 g Ministerkraut
Ctx. Phellodendri (Huangbai) 6 g Polizeikraut
Fr. Gardeniae (Zhizhi) 6 g Polizeikraut
Wirkung:
Leitet Hitze aus
Leitet Toxische-Hitze aus
Indikation:
Hohes Fieber, Gefühl der inneren Unruhe, trockener Mund, Sprechen sinnloser Worte, Schlafstörungen, dunkler Urin, Nasenbluten, entzündliche Hautprobleme, blutiges Erbrechen.
Zunge: roter Zungenkörper, möglicherweise rote Papillen, gelber Zungenbelag.
Puls: schnell (shuo), voll (shi).
Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:
Diese Rezeptur ist bei verschiedenen Arten von Toxischer-Hitze innerhalb des Dreifachen Erwärmers einsetzbar. Immer wenn hohes Fieber, Unruhezustände, ein trockener Mund, sowie ein roter Zungenkörper mit gelbem Zungenbelag sowie ein voller (shi), schneller (shuo) Puls vorhanden sind, ist diese Rezeptur einsetzbar.
Die Analyse der einzelnen Kräuter:
In der TCM wird Hitze dem Feuerelement zugeordnet. Aus diesem Grund ist ein Kraut, das Hitze aus dem Bereich des Herzens ausleitet, in dieser Rezeptur auch das Kaiserkraut: Rhz. Coptidis (Huanglian). Zusätzlich kann es eingesetzt werden, um Toxische Hitze aus dem Bereich des Mittleren Erwärmers auszuleiten. Das Ministerkraut Rdx. Scutellariae (Huangqin) klärt Hitze im Bereich des Oberen und Mittleren Erwärmers. Das Polizeikraut Ctx. Phellodendri (Huangbai) leitet Hitze aus dem Bereich des Unteren Erwärmers aus. Das letzte Kraut dieser Rezeptur ist Fr. Gardeniae (Zhizi). Dieses Polizeikraut kann eingesetzt werden, um Toxische-Hitze aus dem Bereich sämtlicher Drei Erwärmer über die Diurese auszuleiten. Es kann eingesetzt werden, wenn Unruhezustände im Vordergrund stehen. Die Rezeptur „Huang lian jie du tang“ leitet Hitze aus, und bringt auf diese Art und Weise auch Toxische-Hitze zum Verschwinden.
Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern:
Herba Fumariae Erdrauch 5 g Kaiserkraut
Herba Urticae Brennessel 5 g Ministerkraut
Radix Gentianae Enzianwurzel 3 g Ministerkraut
Herba Violae tricolores Stiefmütterchen 8 g Ministerkraut
Radix Taraxaci Löwenzahnwurzel 7 g Ministerkraut
Herba Equiseti Ackerschachtelhalm 8 g Polizeikraut
Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:
Diese Rezeptur enthält fast ausschließlich bitter-kühle bzw. kalte Kräuter. Das Kaiserkraut Erdrauch (Herba Fumariae) leitet Feuchte-Hitze aus der Gallenblase sowie aus Milz und Magen aus. Des Weiteren kühlt dieses Kraut das Blut, wirkt Leber-Qi-Stagnationen entgegen und reinigt die Haut bzw. Schleimhäute. Erdrauch (Herba Fumariae) wird eine spezielle Wirkung auf die Haut im oberen Teil des Magenmeridians zugeschrieben, also im Bereich des Gesichtes und des Decolletés. Bei den folgenden Kräutern handelt es sich um Ministerkräuter. Brennessel (Herba Urticae) leitet Feuchtigkeit und Hitze aus dem Bereich des Unteren Erwärmers, aber auch aus dem Bereich der Lunge aus.
Zusätzlich wirkt es einer Leber-Qi-Stagnation entgegen und leitet Toxische-Hitze aus. Das nächste bitter-kalte Kraut, Enzianwurzel (Radix Gentianae), wirkt Feuchter-Hitze im Bereich von Leber und Galle, aber auch von Blase und Dickdarm entgegen. Stiefmütterchen (Herba Violae tricolores) kühlt Hitze und leitet Toxische-Hitze aus. Es ist ein diuretisch wirksames, entzündungshemmendes Kraut, das Toxischer-Hitze erfolgreich entgegenwirken kann. Speziell bei entzündlichen Hautproblemen sind Stiefmütterchen (Herba Violae tricolores) indiziert. Löwenzahnwurzel (Radix Taraxaci) wirkt auf den Bereich von Leber und Magen. Auch dieses Kraut kühlt Toxische-Hitze und leitet Feuchte-Hitze aus. Zusätzlich beruhigt es aufsteigendes Leber-Yang und tonisiert in kleinen Dosierungen das Milz-Qi. Immer, wenn Abszesse und Knoten vorliegen, sollte auf Löwenzahn (Herba Taraxaci) zurückgegriffen werden, aber natürlich immer nur, wenn diese aufgrund von Hitze entstehen. Bei Krankheitsbildern mit chronischen Abszessen sollte das Qi der Patienten tonisiert werden!
Der Ackerschachtelhalm (Herba Equseti) ist das Polizeikraut der Rezeptur. Dieses Kraut sollte nur kurz mit heißem Wasser überbrüht werden, um das Yin zu tonisieren und damit dem Entstehen einer Toxischer-Hitze entgegenwirken.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass diese Rezeptur bitter-kalte Kräuter enthält, die in verschiedenen Körperregionen wirken. Erdrauch (Herba Fumariae) wirkt im Bereich des Oberen Erwärmers, Brennessel (Herba Urticae) wirken im Bereich des Mittleren Erwärmers, Enzianwurzel (Radix Gentianae) und Löwenzahnwurzel (Radix Taraxaci) wirken im Bereich des Unteren Erwärmers. Somit ist diese Rezeptur geeignet, um Feuchte-Hitze und Toxische-Hitze aus dem Körper auszuleiten. Auch in diesem Fall gilt, dass die Kräuter nicht mehr indiziert sind, wenn das Yang des Patienten verletzt ist. Dies äußert sich beispielsweise darin, dass der Stuhl breiig und der Urin hell geworden ist. Wenn das Yang des Patienten geschwächt ist, sollten zusätzlich wärmende, Yang tonisierende Kräuter der Rezeptur hinzugefügt werden.
Anbei noch die Beschreibung einiger westlicher Einzelkräuter, die zum Ausleiten von Toxischer-Hitze eingesetzt werden können:
Echinacea
Lateinischer Name: Radix Echinaceae
Englischer Name: Narrow leaved cone flower
Verwendete Teile: Wurzel
Geschmack: scharf und salzig
Thermische Wirkung: kühl
Organzuordnung: Magen, Blase
Funktionen:
• Klärt Hitze
• Wirkt toxischer Hitze entgegen
• Wirkt schweißtreibend bei Eindringen von äußerer Wind-Kälte
• Tonisiert mild das Wei-Qi
• Tonisiert das mild Milz-Qi
• Leitet toxische Hitze im Bereich der Haut aus
Forsythie
Lateinischer Name: Fructus Forsythiae (Chin.: Lianqiao)
Englischer Name: Forsythia fruit
Verwendete Teile: Frucht
Geschmack: bitter, leicht scharf
Thermische Wirkung: kühl
Organzuordnung: Leber, Gallenblase, Herz
Funktionen:
• Leitet Hitze und toxische Hitze aus
• Löst Lin (Verhärtung und Steine) auf
• Wirkt äußerer Wind-Hitze entgegen
Löwenzahn
Lateinischer Name: Herba et Radix Taraxaci (Chin.: Pugongyin)
Englischer Name: Dandelion
Verwendete Teile: Kraut und Wurzel
Geschmack: bitter, süß
Thermische Wirkung: kalt
Organzuordnung: Leber, Magen
Funktionen:
• Klärt Hitze und kühlt toxische Hitze
• Leitet Feuchte-Hitze aus
• Wirkt Qi-Stagnation entgegen
• Wirkt aufsteigendem Leber-Yang entgegen
• Kühlt Leber-Feuer
• Tonisiert das Milz-Qi (niedrig dosiert)
Ringelblume
Lateinischer Name: Flos Calendulae
Englischer Name: Common marygold
Verwendete Teile: Blüte
Geschmack: leicht bitter, süß und salzig
Thermische Wirkung: neutral
Organzuordnung: Leber, Herz, Gebärmutter
Funktionen:
• Leitet toxische Hitze aus
• Wirkt mild Blut-Stagnationen entgegen
• Wirkt entzündungshemmend
• Klärt Wind-Hitze
• Tonisiert das Herz-Yin
• Stoppt Blutungen
• Trocknet Feuchte-Hitze im Unteren Erwärmer
• Wirkt mild Leber-Qi-Stagnationen entgegen
Stiefmütterchen, wildes
Lateinischer Name: Herba Violae tricolores (Chin.: Zihuadiding)
Englischer Name: Violet
Verwendete Teile: Kraut und Blüte
Geschmack: scharf, bitter
Thermische Wirkung: kühl
Organzuordnung: Herz, Lunge, Blase
Funktionen:
• Leitet Hitze und toxische Hitze aus (besonders im Hals - und Nackenbereich)
• Wirkt Blut-Hitze entgegen
• Mild diuretisch
Literaturempfehlungen:
Ploberger, F. (2017) Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter, Schiedlberg: Bacopa.
Ploberger, F. (2020) Das große Buch der westlichen Kräuter aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin, 6. Auflage, Schiedlberg: Bacopa.
Autor:
Dr. Florian Ploberger, B.Ac., MA
TCM-Arzt, Univ.-Lektor, Tibetologe, Fachbuchautor, Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM).
www.florianploberger.com