Im folgenden Artikel sollen zwei klassische chinesische Rezepturen, welche den Geist beruhigen, und deren Entsprechungen aus westlichen Kräutern vorgestellt werden.  

Die chinesische Bezeichnung für Geist bedeutet „Shen“. Dieses wird dem Herz zugeordnet. Folgende Körpermerkmale gelten als Kennzeichen eines gut entwickelten Shen: symmetrische Gesichtsproportionen; große, klare Augen; ein gesunder Teint der Haut sowie kräftige Haare. Menschen mit einem gut entwickelten Shen sind geistig ruhig und entspannt, besitzen ein gutes Aufnahmevermögen und sind voller Liebe und Mitgefühl. 

Störungen des Shen können folgende Ursachen haben:
1. kann ein Mangel wie beispielsweise ein Herz-Blut- oder Yin-Mangel zu einer Störung des Shen führen. Als Symptome können Palpitationen (Herzklopfen), Angstzustände, Vergesslichkeit, Orientierungsstörung sowie Schlafprobleme auftreten. In diesem Fall sollten Blut und Yin genährt werden. 
2. kann eine Fülle wie beispielsweise ein Herz-Feuer zu einer Störung des Shen führen. Als Symptome stehen manisches Verhalten, Reizbarkeit sowie Unruhezustände im Vordergrund. In diesem Fall sollte der Geist beruhigt werden. 

Im Allgemeinen ist es jedoch so, dass Störungen des Shen immer aus einer Kombination einer Fülle mit einer Leere auftreten, so dass bei der Zusammenstellung einer Therapie beide Faktoren berücksichtigt werden sollten. Wichtig ist es, Faktoren, die zu einer Störung des Shen führen können, zu beseitigen. Dazu zählen: Reizüberflutung, emotionale Überlastungen, Schlafmangel, Konsum von Alkohol und Drogen. 
Rezepturen, die den Geist (Shen) beruhigen, enthalten oft Mineralien, die zu einer Schwächung des Verdauungstraktes führen können, da sie schwer verdaulich sind. 
Aus diesem Grund sollten mineralische Bestandteile, bevor sie dekoktiert werden, in kleine Teile geteilt und längere Zeit (zwischen 30 und 60 Minuten) vorgekocht werden.

An shen san
(Den Geist beruhigende Rezeptur)

Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) 2 g Kaiserkraut
Semen Biotae (Baiziren) 2 g Ministerkraut 
Rdx. Polygalae (Yuanzhi) 2 g Ministerkraut 
Rdx. Glycyrrhizae Uralensis (Gancao) 2 g Botschaftskraut
Poria Cocos (Fuling) 7 g Ministerkraut
Rhz. Atractylodis macrocephalae (Baizhu) 5 g Polizeikraut
Pericarpium Citri reticulatae (Chenpi) 5 g Polizeikraut
Rhz. Dioscorea (Shanyao) 7 g Polizeikraut 
Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) 3 g Polizeikraut 
Rhz. Acori (Shichangpu) 2 g Ministerkraut 
Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) 3 g Polizeikraut
Fr. Schisandrae (Wuweizi) 2 g Polizeikraut 

Wirkung:
Beruhigt das Herz, beruhigt Shen, klärt Hitze und nährt das Yin.

Indikation:
Intensive Träume, Schlafstörungen, Herzklopfen, Reizbarkeit, Unruhezustände und Schreckhaftigkeit.

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:
Insomnia (Schlaflosigkeit), Palpitationen (Herzklopfen), Panikattacken, Neurosen, Psychosen, Neurasthenie (nervöse Erschöpfung), Mitralklappeninsuffizienz (Schwäche der Herzklappen).

Zunge: Zungenkörper rissig, Spitze ist rot.
Puls: schnell (shuo), dünn (xi), im Herzbereich oberflächlich (fu).

Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:

Wie bereits dem Titel zu entnehmen ist, wirkt „An shen san“ den Geist beruhigend. Die Rezeptur wirkt nährend, wo ein Mangel besteht (das Yin wird tonisiert) und beruhigend, wo ein Überschuss besteht. Aus diesem Grund befinden sich Herz-Feuer beruhigende, die Herzöffnung klärende und Hitze ausleitende Kräuter in der Rezeptur. „An shen san“ erfreut sich in China großer Beliebtheit, weil die Rezeptur relativ ausgewogene ist. Sie kann erfolgreich gegen Schlafstörungen, Unruhezustände, Angstzustände, Schreckhaftigkeit sowie Palpitationen (Herzklopfen) eingesetzt werden. 

Zur Analyse der einzelnen Kräuter der Rezeptur:
Das Kaiserkraut Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) ist vom Geschmack her sauer und süß, thermisch neutral und kann eingesetzt werden, um das Herz-Yin sowie das Leber-Blut zu nähren und den Geist zu beruhigen. Aufgrund seiner adstringierenden Eigenschaft kann Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) gegen übermäßiges Schwitzen, das entweder spontan tagsüber oder während der Nacht auftritt, eingesetzt werden. Das Ministerkraut Semen Biotae (Baiziren) besitzt einen süßen Geschmack und ist thermisch neutral. Es nährt aufgrund seines süßen Geschmacks das Herz-Blut und beruhigt den Geist. Zusätzlich kann es verwendet werden, um den Darm zu befeuchten und Nachtschweiß bei Vorliegen eines Yin-Mangels zu beheben. Rdx. Polygalae (Yuanzhi), ein weiteres Ministerkraut, ist bitter und scharf, thermisch leicht wärmend. Auch dieses Kraut beruhigt den Geist (Shen). Zusätzlich kann es eingesetzt werden, um der Diagnose „Schleim verlegt die Herzöffnungen“ entgegen zu wirken. Die Kombination des bitteren und scharfen Geschmackes mit der thermisch warmen Wirkung macht Rdx. Polygalae (Yuanzhi) besonders geeignet, um Feuchtigkeit und Schleim aus dem Körper auszuleiten. Rdx. Glyzyrrhizae (Gancao) wird hier unter anderem aufgrund seiner Shen beruhigenden, entspannenden Wirkung als Botschaftskraut eingesetzt. Auch das Ministerkraut Poria Cocos (Fuling) besitzt eine Shen beruhigende Wirkung. Die Kombination der Polizeikräuter Rhz. Atractylodis macrocephalae (Baizhu), Pericarpium Citri reticulatae (Chenpi) und Rhz. Dioscoreae (Shanyao) stärken das Milz-Qi und wirken damit einem Mangelzustand entgegen. Rdx. Ophiopogonis (Maimendong), ein weiteres Polizeikraut, ist ein Yin nährendes Kraut, das einen speziellen Bezug zu den Schleimhäuten aufweist. Es hat eine breite Wirkkomponente und kann sowohl bei Herz-, Magen- oder Lungen-Yin-Mangel eingesetzt werden. Das Ministerkraut Rhz. Acori (Shichangpu) ist scharf, aromatisch und thermisch leicht warm. Dieses Kraut wirkt - wie auch Rdx. Polygalae (Yuanzhi) - der Diagnose „Schleim verlegt die Herzöffnungen“ entgegen. Zusätzlich wirkt es Geist beruhigend, harmonisierend im Bereich des Mittleren Erwärmers und Schleim umwandelnd. Diese Schleim umwandelnde Wirkung wird durch ein Polizeikraut, nämlich Rdx. Scrophulariae (Xuanshen), unterstützt. Bei einem weiteren Polizeikraut, Fr. Schisandrae (Wuweizi), handelt es sich um ein adstringierendes Kraut. Dieses wird verwendet, um einerseits den Geist zu beruhigen (indem das Nieren-Yin adstringiert wird) und andererseits, um symptomatisch einer übermäßigen Schweißproduktion entgegen zu wirken. Dieses Kraut sollte auf keinen Fall zu hoch dosiert werden, da sonst der Dekokt für die meisten Menschen einen äußerst unangenehmen Geschmack aufweisen würde.

Zusammengefasst handelt es sich bei „An shen san“ um eine ausgewogene Rezeptur, die das Shen beruhigt, ohne schwer verdauliche Mineralien zu enthalten. Da sie Milz-Qi tonisierende Kräuter enthält, kann sie mit gutem Gewissen über einen längeren Zeitraum gegeben werden (speziell bei Unruhezuständen und Schlafproblemen). Bei älteren, ausgelaugten Menschen empfiehlt sich die zusätzliche Gabe von Yin tonisierenden Kräutern, um Probleme im Bereich der Shao-Yin-Achse (Nieren-Yin-Mangel / Herz-Feuer) auszugleichen. 

Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern: 
Folium Melissae Melisse 5 g Kaiserkraut
Strobulus Lupuli Hopfen 2 g Ministerkraut
Herba Pulmonariae Lungenkraut 4 g Polizeikraut
Flos Rosae Rose 5 g Ministerkraut
Herba Passiflorae Passionsblume 5 g Ministerkraut
Flos Crataegi Weißdornblüten 4 g Ministerkraut
Pericarpium Citri reticulatae Mandarinenschalen 5 g Polizeikraut
Herba Millefolii Schafgarbe 3 g Polizeikraut
Radix Glycyrrhizae Uralensis Süßholz 2 g Botschaftskraut

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Als Kaiserkraut dieser Rezeptur dient die bittere, leicht adstringierend wirkende, thermisch kalte Melisse (Folium Mellisae). Diese wird eingesetzt, um ein eventuell vorhandenes Herz-Feuer zu kühlen. In ihrer Shen beruhigenden Wirkung wird sie durch das Ministerkraut Hopfen (Strobulus Lupuli) unterstützt. Dabei handelt es sich um ein Kraut, das im Bereich des Shao-Yin (Herz und Niere) wirkt: Hopfen (Strobulus Lupuli) klärt Herz-Feuer und beruhigt den Geist, nährt aber andererseits das Nieren- und Herz-Yin. Auf diese Weise wird das Yin vor einer weiteren Verletzung durch die vorhandene Hitze geschützt. Lungenkraut (Herba Pulmonariae) befindet sich in der Rezeptur, um das Yin zu nähren. Aus diesem Grund gilt Lungenkraut (Herba Pulmonariae) als das Polizeikraut dieser Rezeptur. Bei den nächsten drei Kräuter handelt es sich um Ministerkräuter: Rosenblüten (Flos Rosae), Passionsblume (Herba Passiflorae) und Weißdornblüten (Flos Crataegi). Diese  Kräuter beruhigen das Herz und wirken klärend im Bereich des Shen. Sie entschleimen die Herzkanäle und können in Kombination mit den bitteren, thermisch kalten Kräutern eingesetzt werden, um Angstzustände, Reizbarkeit, etc., zu therapieren. Interessant ist, dass in Europa Weißdornblüten (Flos Crataegi) schon seit vielen Jahrhunderten als Herz beruhigendes Kraut verwendet wurden, während in China (Fructus Crataegi) hauptsächlich Weißdornfrüchte in Verwendung waren bzw. sind. In China werden diese eingesetzt, um das Milz-Qi zu tonisieren und die Resorptionsfähigkeit des Verdauungstraktes zu verbessern. Mandarinenschalen (Pericarpium Citri ret.) befinden sich als Polizeikraut in der Rezeptur, um das Milz-Qi zu tonisieren und Qi-Stagnationen im Bereich des Verdauungstraktes aufzulösen. Schafgarbe (Herba Millefolii) dient als Polizeikraut, das Qi-Stagnationen - speziell im Bereich der Leber - entgegenwirkt. Bei vielen Menschen, die unter Schlafproblemen, Angstzuständen, Panikattacken, etc., leiden, wirkt sich eine bestehende Qi-Stagnation auf den Bereich des Herzes aus. Aus diesem Grund sollten Kräuter, die eine Leber-Qi-Stagnation auflösende Wirkung besitzen, nicht vergessen werden. Süßholz (Rdx. Glycyrrhizae) dient als Botschaftskraut dieser Rezeptur. Dieses kann eingesetzt werden, um den Geist (Shen) zu beruhigen. Außerdem harmonisiert es die Wirkungen der anderen Kräuter dieser Rezeptur. 

Tian wang bu xin tang
(Die Pille des Himmelsherrschers, die das Herz tonisiert)

Rdx. Rhemanniae Viridae (Shengdihuang) 6 g Kaiserkraut
Rdx. Ginseng (Renshen) 2 g Ministerkraut
Tuber Asparagi (Tianmendong) 6 g Polizeikraut
Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) 5 g Polizeikraut
Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) 5 g Polizeikraut
Rdx. Salviae miltioohizae (Danshen) 5 g Ministerkraut
Poria Cocos (Fuling) 5 g Ministerkraut
Rdx. Polygalae (Yuanzhi) 5 g Ministerkraut
Rdx Angelicae sinensis (Danggui) 5 g Ministerkraut
Fr Schisandrae (Wuweizi) 3 g Polizeikraut
Semen Biotae (Baiziren) 5 g Ministerkraut
Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren) 5 g Polizeikraut
Rdx. Platycodi (Jiegeng) 3 g Botschaftskraut

Wirkung:
Nährt das Yin, tonisiert das Blut, tonisiert das Herz und beruhigt Shen.

Indikation:
Schlafstörungen, bzw. unruhiger Schlaf, Herzklopfen mit Unruhezustände, Schmerzen in der Herzregion, Reizbarkeit, Unfähigkeit, sich auch nur eine kurze Zeit zu konzentrieren, Gedächtnisschwäche, nächtliche Samenergüsse, trockener Stuhl, Entzündungen der Mundschleimhäute sowie. Nachtschweiß.

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:
Herzrhythmusstörungen, menopausale Beschwerden (Wechseljahrbeschwerden), chronische Urticaria (Nesselsucht), Neurasthenie (nervöse Erschöpfung), Nykturie (nächtliches Wasserlassen), Palpitationen (Herzklopfen), Stenocardien (Beklemmungsgefühl im Brustbereich), Aphten (Defekte der Mundschleimhaut).

Zunge: roter Zungenkörpers mit wenig Zungenbelag.
Puls: dünn (Xi), schnell (shuo).

Beschreibung der klassischen TCM-Rezeptur:

Es gibt eine Geschichte, nach der die Rezeptur „Tian wang bu xing tang“ einem chinesischen Arzt während eines Traumes durch den „Himmelskaiser“ offenbart wurde. Im Bewusstsein des Arztes erschien - während er schlief - ein Kraut nach dem anderen. Doch bevor der Himmelskaiser die entsprechenden Dosierungen „überliefern“ konnte, ist der Arzt aus seinem Schlaf erwacht. Deswegen ist „Tian wang bu xing tang“ eine der wenigen klassischen Rezepturen, von denen im Quellentext (chinesischer Titel: She sheng mi pou) keine Dosierungsangaben vorliegen. Soviel zur Anekdote der „Entstehungsgeschichte“ der Rezeptur. 
„Tian wang bu xing tang“ kann eingesetzt werden, um das Blut und Yin zu nähren, das Herz-Qi zu tonisieren und den Geist (Shen) zu beruhigen. Wenn eine Balance zwischen Herz und Nieren besteht und Feuer und Wasser in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen, befindet sich auch der Geist (Shen) in einem harmonischen Zustand. Die Rezeptur wurde konzipiert, um folgenden Symptomen auf Grund eines Blut- und Yin-Mangels entgegenzuwirken: innere Unruhe, Reizbarkeit, Aphten im Bereich der Mundschleimhaut, Urtikaria (Nesselsucht) sowie Schlafprobleme. Wie kommt es zu den eben angeführten Symptomen?
Bei einem Herz-Blut-Mangel können Palpitationen (Herzklopfen) sowie Vergesslichkeit und Ängstlichkeit auftreten. Bei einem Blut- und Yin-Mangel steigt Leere-Hitze aufwärts. Wenn diese den Herzbereich erreicht, resultieren daraus Unruhezuständen, eine Konzentrationsschwäche sowie Schlafstörungen. Nachtschweiß und nächtliche Samenergüsse können aufgrund eines Yin-Mangel auftreten. Da die Zunge der Öffner des Herzens ist, manifestieren sich energetische Dysbalancen des Herzbereiches auf der Zunge. Aus diesem Grunde werden regelmäßig Schleimhautdefekte im Mund von Menschen mit Herz-Feuer gefunden.

Zur Analyse der einzelnen Kräuter der Rezeptur:
Das Kaiserkraut Rdx. Rhemanniae (Shengdihuang) nährt das Yin und klärt Hitze. Sein spezieller Bezug zum Nieren-Yin (Wasser) trägt zur Kontrolle des Shen bzw. der Leere-Hitze (Feuer) bei. Zusätzlich kann Rdx. Rhemanniae (Shengdihuang) das Blut nähren. Rdx. Salviae (Danshen) und Rdx. Angelicae sinensis (Danggui) nähren als Ministerkräuter das Blut, ohne Stagnationen hervorzurufen. Die Kombination der Ministerkräuter Semen Biotae (Baiziren) und Rdx. Polygalae (Yuanzhi) beruhigen den Geist (das Shen). Zwei weitere Ministerkräuter, Rdx. Ginseng (Renshen) und Poria Cocos (Fuling), nähren und beruhigen das Herz-Qi. Tuber Asparagi (Tianmendong), Rdx. Ophiopogonis (Maimendong) und Rdx. Scrophulariae (Xuanshen) nähren das Yin und klären Leere-Hitze, ohne jedoch zu Feuchtigkeitsproblemen zu führen. Diese drei Kräuter dienen, ebenso wie die beiden Folgenden, als Polizeikräuter. Fr. Schisandrae (Wuweizi) und Semen Ziziphi spinosae (Suanzaoren), schützen durch ihre adstringierende Eigenschaft vor einem zusätzlichen Qi-Verlust. 
Das Botschaftskraut dieser Rezeptur ist Rdx. Platycodi (Jiegeng). Dieses Kraut leitet die Wirkung der anderen Kräuter in den Bereich des Oberen Erwärmers. 

Entsprechende Rezeptur aus westlichen Kräutern: 
Herba Visci alba Mistel 8 g Kaiserkraut
Herba Galeopsidis ockergelber Hohlzahn 10 g Ministerkraut
Flos Crataegi Weißdornblüten 4 g Ministerkraut + Botschaftskraut
Folium Melissae Melissenblätter 5 g Ministerkraut
Radix Ginseng Ginseng 3 g Ministerkraut
Herba Passiflorae Passionsblume 5 g Ministerkraut
Strobulus Lupuli Hopfen 2 g Ministerkraut
Flos Rosae Rose 5 g Ministerkraut
Herba Hyperici Johanniskraut 2 g Ministerkraut

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Als Kaiserkraut dieser Rezeptur dient die bittere, thermisch neutrale Mistel (Herba Visci). Diese klärt Hitze und beruhigt den Geist. Zusätzlich nährt sie das Herz- und Nieren-Yin. Unterstützt wird das Kaiserkraut durch mehrere Ministerkräuter:  Ockergelbe Hohlzahn (Herba Galeopsidis) tonisiert das Yin und kontrolliert damit ein übermäßiges Aufkommen von Hitze, die den Geist (Shen) beeinträchtigen kann. Weißdornblüten (Flos Crataegi) dienen sowohl als Minister- als auch als Botschaftskraut. Sie tonisieren das Herz-Qi. Die Kombination der Ministerkräuter Melissenblätter (Folium Melissae), Passionsblüten (Herba Passiflorae), Rosenblüten (Flos Rosae) und Johanniskraut (Herba Hyperici) tonisieren ebenfalls das Herz-Qi und beruhigen den Geist (das Shen). Der bittere, leicht adstringierende, thermisch kühle Hopfen (Strobulus Lupuli) klärt Hitze und beruhigt den Geist. Dieses Kraut besitzt eine nach unten gerichtete Wirkrichtung. (Leere Hitze wird durch Hopfen (Strobulus Lupuli) nach unten geleitet, indem das Nieren-Yin genährt wird). 
Rdx. Ginseng (Renshen), ein weiteres Ministerkraut, tonisiert das Yuan-Qi (Quellen-Qi) und beruhigt ebenfalls den Geist. Ergänzt wird die Rezeptur durch das bittere, thermisch kalte Johanniskraut (Herba Hyperici). Dieses entschleimt die Herzkanäle und nährt das Yin. Zusätzlich kann das Ministerkraut Johanniskraut (Herba Hyperici) einer eventuell vorhandenen Leber-Qi-Stagnation entgegenwirken. 
Auch bei dieser Rezeptur ist es empfehlenswert, vor der Einnahme der Kräuter einen Esslöffel Honig der Flüssigkeit hinzuzufügen. Honig dient als Botschafter in Richtung Herz und hat zusätzlich eine Herz-Blut nährende und somit beruhigende Wirkung.

Fazit für die Praxis:
Die TCM-Diagnose „unruhiger Geist“ ist häufig bei Patienten in Europa zu finden. Westliche Kräuter, nach TCM Kriterien zusammengestellt, die den Geist beruhigen, sind eine Bereicherung der Therapie und stellen eine effektive Alternative zu traditionellen chinesischen Arzneien dar.

Literaturempfehlung:
Ploberger, F. (2017), Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter, Schiedlberg: Bacopa.


Autor:
Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA
TCM-Arzt, Univ.-Lektor, Präsident der ÖAGTCM, Tibetologe, Fachbuchautor.
www.florianploberger.com