Im folgenden Artikel wird die Verwendung westlicher Kräuter aus Sicht der TCM bei der Diagnose „äußere Wind-Hitze“ anhand von zwei Rezepturen beschrieben. 

Krankheitsbilder, die durch die äußeren „Pathogenen Faktoren“ Wind-Hitze verursacht werden, weisen folgende Merkmale auf: Fieber, Schweißausbrüche, eine leichte Abneigung gegenüber Wind, ein diskretes Auftreten von Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Durst sowie Halsschmerzen. Zusätzlich können Rötung der Augen sowie Husten auftreten. 

Bei der Zungenuntersuchung ist ein weißer bzw. leicht gelber Zungenbelag charakteristisch (dies deutet darauf hin, dass die Hitze noch nicht tief in den Körper eingedrungen ist; erst in diesem Fall wird der Zungenbelag wirklich gelb). 
Der Puls ist oberflächlich (fu) und schnell (shuo).

Für Krankheitsbilder, die durch Wind-Hitze verursacht werden, gibt es ein klassisches Werk, welches bis heute am Lehrplan eines jeden TCM-Studenten steht: Dieses Werk trägt den Titel „Besprechung der warmen Krankheiten“ und wurde im Jahr 1746 n. Chr. (zur Zeit der Qing-Dynastie) von Ji Tian-Shi verfasst. Der chinesische Name dieses Buches lautet „Wen-Re Lun“. Darin beschreibt der Autor akute fieberhafte Erkrankungen in einer 4-Phasen-Sequenz (Wei, Qi, Ying, Xue). 

Rezeptur 1
Herba Menthae Pfefferminze 7 g Kaiserkraut
Flos Tiliae Lindenblüten 8 g Kaiserkraut                                 
Flos Chrysanthemi Chrysanthemenblüten 6 g Ministerkraut             
Radix Echinacea Sonnenhut 4 g Ministerkraut
Folium Plantaginis Spitzwegerich 2 g Ministerkraut
Herba Pulmonariae Lungenkraut 3 g Polizeikraut

Wirkung:
Befreit die Oberfläche, vertreibt Wind-Hitze, schweißtreibend, bewegt das Lungen-Qi sowie Hustenreiz stillend.

Indikation:
Leichtes Fieber, Husten sowie wenig Durst.

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:
Grippaler Infekt, akute Bronchitis, akute Tonsillitis sowie akute Konjunctivitis.

Zunge: dünner, weißer oder etwas gelblicher Belag; normaler Zungenkörper (da der Infekt sich noch oberflächlich befindet).
Puls: oberflächlich (fu), schnell (shuo).

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Pfefferminze (Herba Menthae) und Lindenblüten (Flos Tiliae) sind die Kaiserkräuter dieser Rezeptur. Beide sind scharf, thermisch kühlend und können eingesetzt werden, um äußere Wind-Hitze zu vertreiben. Lindenblüten (Flos Tiliae) wirken Fieber senkend, Geist beruhigend, sowie Schleim-Hitze im Bereich der Lunge entgegenwirkend. Pfefferminze (Herba Menthae) hat neben der Wind-Hitze vertreibenden Eigenschaft folgende Funktionen: 
Dieses Kraut wirkt klärend im Augen- und Kopfbereich, befreit blockiertes Leber-Qi und bringt Infektionserkrankungen speziell im Anfangsstadium schnell an die Oberfläche. Dadurch wird der Heilungsprozess von Infektionserkrankungen wie beispielsweise Masern und Röteln beschleunigt. Zusätzlich kann Pfefferminze (Herba Menthae) eingesetzt werden, um dem Dekokt einen angenehmen Geschmack zu verleihen. 
Die folgenden 3 Kräuter dienen als Ministerkräuter:
Chrysanthemenblüten (Flos Chrysanthemi) unterstützen die Wind-Hitze vertreibende Wirkung. Zusätzlich besitzen Chrysanthemenblüten (Flos Chrysanthemi) einen starken Bezug zur Leber. Sie wirken klärend im Augenbereich und wirken einem aufsteigenden Leber-Yang entgegen. Sonnenhut (Rdx. Echinaceae) ist vom Geschmack her scharf und salzig, thermisch kühl. Diese Pflanze kann eingesetzt werden, um Infektionserkrankungen auf Grund von Hitze entgegenzuwirken. Sonnenhut (Rdx. Echinaceae) wird im deutschsprachigen Raum häufig eingesetzt, um das Immunsystem zu stärken. Dabei sollte jedoch folgendes bedacht werden: Sonnenhut (Rdx. Echinaceae) ist thermisch kühl und sollte aus diesem Grund nicht von Patienten mit einem Nieren-Yang-Mangel längere Zeit eingenommen werden. Wer es wirklich prophylaktisch einsetzen möchte, sollte unter keinem Kälte-Syndrom leiden! 
Spitzwegerich (Folium Plantaginis) und Lungenkraut (Herba Pulmonariae) besitzen beide einen starken Bezug zur Lunge. Diese Kräuter werden eingesetzt, wenn Hitze in den Lungenbereich eingedrungen ist. Spitzwegerich (Folium Plantaginis) besitzt eine Lungen entschleimende und Blut-Stagnations auflösende Wirkung. Zusätzlich kühlt Spitzwegerich (Folium Plantaginis) Hitze im Bereich der Blutschicht. Lungenkraut (Herba Pulmonariae) wirkt einerseits schweißtreibend, nährt aber andererseits das Lungen-Yin. Aus diesem Grund ist Lungenkraut (Herba Pulmonariae) das Polizeikraut der Rezeptur, welches verhindert, dass die Körpersäfte zu stark verletzt werden. 

Rezeptur 2
Herba Menthae Pfefferminze 7 g Kaiserkraut +  Botschaftskraut
Flos Tiliae Lindenblüten 8 g Kaiserkraut + Botschaftskraut                 
Herba Pulmonariae Lungenkraut 5 g Ministerkraut
Flos Sambuci Hollunderblüten 3 g Ministerkraut
Folium Melissae Melisse 4 g Ministerkraut
Herba Violae tricolores wildes Stiefmütterchen 4 g Polizeikraut
Radix Glycyrrhizae Süßholz 2 g Polizeikraut  

Wirkung:
Befreit aufgrund seiner scharfen und kühlenden Natur die Oberfläche, beseitigt Wind-Hitze und leitet Toxine aus.

Indikation:
Fieber, fehlender oder nur leichter Schüttelfrost, Husten, Kopfschmerzen, Durst sowie Halsschmerzen.

Entsprechende westliche Krankheitsbilder:
Grippale Infekte, Masern, akute Bronchitis, Parotitis, akute Endometritis sowie Beginn einer Meningitis.

Zunge: dünner, weißer oder gelblicher Belag.
Puls: oberflächlich (fu), schnell (shuo).

Beschreibung der Rezeptur aus westlichen Kräutern:

Pfefferminze (Herba Menthae) und Lindenblüten (Flos Tiliae) sind beide scharf-kühl und befreien damit die Oberfläche, wenn der äußere „Pathogene Faktor“ Wind-Hitze in den Körper eingedrungen ist. Bei diesen Kräutern handelt es sich somit um die Kaiserkräuter der Rezeptur. Als eines der Ministerkräuter dient Lungenkraut (Herba Pulmonariae). Diese Pflanze hat ebenfalls eine schweißtreibende Wirkung, nährt jedoch gleichzeitig das Lungen-Yin und kühlt Leere-Hitze. Diese Wirkung wird durch die bittere, leicht adstringierend wirkende, thermisch kalte Melisse (Folium Melissae) unterstützt. Dieses Ministerkraut hat neben der Wind-Hitze vertreibende auch eine krampflösende, Qi-Stagnation auflösende, sowie Leber-Yang und Herz-Feuer beruhigende Wirkung. Pfefferminze (Herba Menthae) und Lindenblüten (Flos Tiliae) sind, da sie ihre Wirkung an der Oberfläche des Körpers entfalten, die Botschaftskräuter der Rezeptur.
Hollunderblüten (Flos Sambuci) wirken ebenfalls schweißtreibend. Zusätzlich können sie gegen äußere Wind-Hitze eingesetzt werden. Zusätzlich klären sie Leere-Hitze und trocknen Feuchtigkeit und Schleim. Stiefmütterchen (Herba Violae tricolores) sind der Rezeptur als Polizeikraut beigefügt, um toxische Hitze auszuleiten bzw. um vorzubeugen, dass sich keine toxische Hitze im Blut entwickeln kann. Die Kombination von Lungenkraut (Herba Pulmonariae) mit dem Polizeikraut Süßholz (Rdx. Glycyrrhizae) kann eingesetzt werden, um Halsweh sowie Durst entgegenzuwirken. 

Fazit für die Praxis
Die TCM Diagnose „äußere Wind-Hitze“ ist in unseren Breitengraden häufig bei Patienten zu finden. Westliche Kräuter, nach TCM Kriterien individuell nach detaillierter Diagnose zusammengestellt, sind eine Bereicherung der Therapie.

Literaturempfehlung
Ploberger, F. (2017) Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter, Schiedlberg: Bacopa.

Autor:
Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA
TCM-Arzt, Univ.-Lektor, Präsident der ÖAGTCM, Tibetologe, Fachbuchautor.
www.florianploberger.com