Es gibt in der deutschen Sprache ein Wort, das die Fähigkeit meint, sich Bilder machen zu können: die „Einbildungskraft“. Die Einbildungskraft hat heute keinen guten Ruf, denn sie gilt als unrealistisch und gerät oft in die Nähe von Lügen, Erfinden oder Phantasieren. „Das bildest du dir doch nur ein!“ meint, “Das, was du sagst, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun!“. Das Wort „Einbildung“ wird im Gegensatz zur „Abbildung“ verwendet. Einbildungskraft gehört zu Fiktion, Phantasie und Schwärmerei. Sie scheint im Alltag wenig nützlich und unangebracht zu sein und wird mit Realitätsverlust in Bezug gebracht. Einbildungskraft ist jedoch eine reale Fähigkeit. In unserer von Bildern überfluteten Welt haben längst professionelle „Bildermacher“ die Führung übernommen. Sich selbst ein Bild von etwas zu machen, gehört nicht zum westlichen Bildungsideal. Das ist in unserer heutigen Welt, die so sehr aus Bildern gemacht und von ihnen bestimmt ist, doch recht erstaunlich.
Und weil wir uns selbst zu wenig eigene Bilder machen, werden wir leicht von Bildern beherrscht, die an uns herangetragen werden, die sich andere von uns und von der Welt gemacht haben. Sich eigene Bilder machen zu können, ist jedoch genauso eine Kunst, wie sich eigene Gedanken machen zu können.
Indem wir uns Bilder machen, können wir uns etwas vorstellen, was nicht wirklich da ist, aber von dem wir uns wünschen, dass es da sei. Unsere Handlungsfähigkeit hängt mit davon ab, inwiefern wir uns etwas vorstellen können, was wir verwirklichen möchten. Die Einbildungskraft nimmt sozusagen in der inneren Vorstellung das Ereignis voraus, das später in der Welt geschehen soll. Es ist die Fähigkeit, sich das zu vergegenwärtigen, was (noch) abwesend ist. Im Wort „Einbildung“ steckt auch das Wort „bilden“. Eigentlich ist doch alles, was wir als Menschen tun, eine Art „bilden“, eine Art „machen“, „formen“, „umsetzen“, „ausbilden“ und „erlernen“. Wir bilden unseren Verstand, in dem wir uns Wissen aneignen und Handlungsabfolgen erlernen. Wir formen unser Gemüt, indem wir mit unseren Emotionen „arbeiten“ und uns für die Gefühle anderer Menschen interessieren. Wir bilden unseren Körper, indem wir unsere Muskeln trainieren. Wir gestalten unser ganzes Sein, indem wir möglichst viele Aspekte unserer Möglichkeiten entdecken, erfahren und ausbilden.
In inneren Bildern zeigen sich die Verbindungen zwischen Körper, Seele und Geist. Das heisst, der Körper kann Informationen des Unterbewusstseins in Form von Bildern wiedergeben. Das Bewusstsein kann diese Bilder dann erkennen und deren Inhalt ein wenig mehr begreifen. Der Körper kann in Form von inneren Bildern Informationen abgeben und empfangen. Innere Bilder sind ein Bindeglied zwischen bewusster Informationsverarbeitung und physiologischen Körperprozessen.
Was ich über meine Krankheit und deren Ursache denke, ist das eine. Das andere ist, was mir mein Inneres sagt. Es weist darauf hin, wo und wie ich meine Lebensgewohnheiten ändern, wo ich alte Gewohnheiten loszulassen muss.
Eine Krankheit betrifft immer den ganzen Menschen und nie nur seinen Körper oder nur Teile davon, ebensowenig wie eine Erkrankung nie nur die Psyche oder nie nur den Geist betreffen kann. Entscheidend ist, dass ich mit der Frage, die mich beschäftigt, einen Dialog mit dem Körper aufnehme, mein Herz öffne, innehalte und hineinhorche. Damit ist noch nichts geheilt, doch gebe ich der Antwort, die aus meinem Inneren kommt, Raum. Und wenn die Antwort das Herz erreicht, wird spürbar, dass wir von einer Kraft umgeben sind, die Leben spendet, Leben reguliert und in uns wirkt. Die Qualität des Selbstheilungsprozesses zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen ihre Ressourcen und ihre Intuition miteinbeziehen und nutzen können. Die innere Weisheit kann als Quelle für Reflexion aktiviert werden, um das Wissen von den eigenen Selbstheilungskräften zu entschlüsseln. Denn im Inneren „weiss“ der Mensch von den ungenutzten kreativen Potentialen und Ressourcen. Er weiss über das Alltagsbewusstsein mit den dazu gehörenden Gefühlen und Entscheidungsmustern hinaus, was er braucht.
Imagination/Visualisation im umgangssprachlichen Sinne ist die Fähigkeit, Ideen, Situationen, Personen, Dinge, Welten als inneres Bild zu entwickeln oder zu erinnern, die materiell nicht vorhanden sind (Vorstellungskraft, Einbildungskraft). In vielen religiösen, magischen und esoterischen Richtungen werden Visualisierungen durchgeführt, insbesondere im Schamanismus, dem Tantra, dem Daoismus, in der westlichen Magie, gewissen Meditationspraktiken und auch im Christentum (am bekanntesten bei den Mystikern), ausserdem in einigen Richtungen der Psychotherapie. Geistige Projektion wird aber auch ganz unesoterisch von Spitzensportlern angewendet, um Bewegungsabläufe zu optimieren und eine hohe Leistungsbereitschaft zu erzielen.
Heutige Methoden mit Imaginationstechniken sind z.B. autogenes Training, katathymes Bilderleben, Hypnose, Meditation und Klartraum. Imaginationen werden auch in der Logotherapie und Existenzanalyse oder bei der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt. Sie ist von C. G. Jung in die Psychotherapie eingeführt worden, der die bewusst erlebten Bilder als Mittler zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein sah. Die inneren Bilder ähneln Traumbildern, ihr Entstehen kann jedoch willentlich gefördert und modifiziert werden. Imaginieren heisst, mit unserer Phantasie Bilder in unserem Bewusstsein zu schaffen. Verena Kast beschreibt die Imagination als „Raum der Freiheit“.
Die entstehenden Bilder können durch Vorstellungsinhalte, Sätze und Gedanken beeinflusst werden, führen aber auch eine unbewusste Eigendynamik. Sie sind damit, wie auch die Atmung, sowohl bewusst als auch unbewusst gesteuert. Der Atem steht zwischen dem willkürlichen und dem vegetativen Nervensystem, er hat Anteil an beidem. Das Vegetativum lässt sich sehr gut über den Atem ansprechen. Atmen ist die Bewegung, in der wir uns öffnen und wieder schliessen, in der wir loslassen und uns erneut finden, in der wir uns unaufhörlich verändern. Ebenso geschieht es in Imaginationen. Mit jedem Atemzug nehmen wir ein winzig kleines Stück des Kosmos in uns auf und verbinden uns mit ihm. Mit jedem Ausatmen geben wir ein winzig kleines Stück von uns ins All zurück (kosmologische Weltsicht).
Der stockende Moment zwischen dem Eindruck, etwas sicher erkannt zu haben und nun nach den passenden Worten zu suchen, ist jene kreative, kraftvolle „Wortlosigkeit“, in der irgendeine innere Instanz sicher weiss, was das richtige Wort wäre. Es ist ein Ort jenseits von Richtig und Falsch. Bei der Suche, Worte für das zu finden, was man ausdrücken will, entwirft diese Instanz Bilder, die es einfacher machen, das Erkannte zu beschreiben. Sie wirken durch unsere Auffassungsgabe und Einbildungskraft direkt auch körperlich und psychisch auf uns ein. Sie festigen den Prozess in der Erfahrung und verkörpern ihn nach aussen. Der Mensch schlägt einen eigenen Weg ein, eine eigene Form des Denkens, einen kreativen Selbstausdruck des Inneren. Vorstellungen und Bilder sind konkreter als Körpersymptome. Wird beispielsweise der Druck im Kopf bei Kopfschmerzen oder das „Grau“ im Gemüt bei einer Depression als Gegenstand oder Figur gesehen, können sie erfasst werden. Ich kann dann verhandeln, fragen und Antwort geben. So können Alltagsgegenstände, Blumenwiesen, Zwerge, Farben als Stellvertreter sprechen und uns neue, unkonventionelle und kreative Lösungsansätze und Heilungsprozesse eingeben. Es beginnt eine Kommunikation mit dem Innern, ein Dialog mit der Krankheit. Durch die Personifizierung wird das Leiden greifbar gemacht, sodass eine Auseinandersetzung, eine Konfrontation möglich wird. Dabei ist der Mensch, der sich auf die Reise begibt, der Erzeuger der Bilder, der Maler, der Bildhauer. Er ist der Regisseur und belebt den Film mit Gerüchen, Farben, Musik und Menschen. Sich darauf einzulassen, ermöglicht Selbsterfahrung und von daher eine Öffnung für andere Welten.
Als Weg in die Welt der Imagination werden Entspannungsmethoden, Atemtechniken, Wachträume, Trommeln u.v.m. praktiziert (oder traditionell auch bewusstseinsverändernde Mittel verwendet). Gelenkte Fantasien, bildhafte Vorstellungen haben eine ähnliche Funktion wie ein Traum oder die Vorsatzbildung des autogenen Trainings, sind aber konkret auf die zu beeinflussenden Körperfunktionen oder Lebensfragen bezogen.
Rupert Sheldrakes Theorie der morphogenetischen Felder nähert sich auf wissenschaftlichem Pfad der Lebensgrundlage, mit dem Universum verbunden zu sein und die Welt durch Bewusstseinsarbeit beeinflussen zu können. Sheldrake (* 1942) beschreibt die morphogenetischen Felder als immaterielle Kraftfelder, die sich in Raum und Zeit – innerhalb des Systems und des Umfeldes, das es gestaltet und organisiert – ausbreiten. Die morphogenetischen Felder sind Formen schaffende Felder, in denen sich Organismen bewegen. Diese Felder sind nicht neutral; sie sind intelligent. Sie enthalten Informationen und vermögen diese auf Zellen und Lebewesen zu übertragen.
Der traditionelle Schamane hat beispielsweise die Intention, Regen zu rufen. Sein Rezept ist die Vorstellung, den Regen bereits zu spüren, das Gefühl von Regentropfen schon auf der Haut zu fühlen, wenn er den Regen in seinem Ritual ruft („to feel the feeling as it rains“).
Ich erinnere mich an eine Theater-Vorstellung an einem heissen Sommertag. Die Halle, in der die Aufführung stattfand, hatte keine Klimaanlage und der Raum war dementsprechend schwül und überhitzt. Die Kleider klebten auf der Haut, Schweisstropfen rannen uns übers Gesicht. Die Zuschauer fächelten sich mit dem Programmheft etwas Luft zu. Die Aufführung begann, im Dunkeln sitzend hörte man ein nahendes Gewitter, bis Donner und Blitze den Raum erfüllten. Dann plötzlich, als wär’s ein richtiges Sommergewitter, entlud sich (akustisch inszeniert) der Himmel. Man hörte den Regen, anfangs nur einige Tropfen, die dann in ein richtiges Regenprasseln übergingen. Da hörten die Zuschauer, ich eingeschlossen, mit dem Fächern auf und lauschten dem kühlenden Geräusch. Die Hitze war wie weggeblasen, auch wenn das rational gesehen nicht möglich war. Noch heute bin ich überzeugt, dass die Temperatur sich durch diese akustische Inszenierung abkühlte. Man kann sagen, dass unsere Wahrnehmung durch das hörbare Gewitter manipuliert wurde – oder aber, dass das Bewusstsein der vielen Leute im Sinne von Sheldrakes morphogenetischen Feldern den Raum tatsächlich kühlte, ganz im Sinne von „to feel the feeling as it rains“.
August 2026, chrischta ganz