Als der Autor vor über 50 Jahren auf ein bebildertes Buch zur chinesischen Malerei stieß, war sein erster Gedanke: Das ist angewandte Philosophie. An dieser Sichtweise hat sich nichts geändert, vielmehr führte sie dazu, dass ich mich recht rasch in dieses Genre verbiss. Es hat bis heute nichts an seiner Bedeutung für mich verloren – sowohl was den theoretischen Aspekt betrifft, also die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragestellungen, dabei vor allem mit dem Daoismus, als auch den praktischen Aspekt: mein Kalligraphieren und Malen, das deutlich von daoistischen Prinzipien geprägt ist.
In diesem und, wenn es genug Interesse gibt, in folgenden Artikeln sollen grundsätzliche Aspekte der chinesischen Malerei behandelt werden. Sie sollen dem interessierten Leser ein Werkzeug zur Verfügung stellen, das ihm hilft, chinesische Malerei aus chinesischer Sicht besser zu verstehen und zu genießen. Jeder dieser Artikel kann eigenständig betrachtet werden; sie zu verknüpfen verbessert jedoch das Verständnis.
Worüber reden wir?
Wie in der westlichen Malerei gibt es auch im Chinesischen verschiedene Herangehensweisen. Um unser Thema nicht ausufern zu lassen, grenzen wir es ein und konzentrieren uns auf die sogenannte xieyi-Malerei (写意, xiěyì, wörtlich: Bedeutung schreiben/skizzieren). Sie wird im Englischen oft mit „freehand-painting“ übersetzt und bezeichnet eine Malweise, bei der die Pinselarbeit stark im Vordergrund steht. Ihr Counterpart ist die gongbi-Malerei (工笔, gōngbǐ, wörtlich: feine Pinselarbeit), die mit feinen Pinseln und oft auf Seide detailreicher und „realistischer“ wirkt.
Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass xieyi-Malerei ein Pendant zu unserer abstrakten Malerei bzw. der gestischen Malerei darstellt. Nun ist es aber so: xie (写, xiě) bedeutet Schreiben. Das heißt, ein Bild sollte flüssig wie eine Kalligraphie erscheinen. Mehr noch: Jeder Punkt bzw. Strich muss kalligraphiert sein, also zunächst einmal den Regeln guter Kalligraphie folgen. Im traditionellen chinesischen Kunstverständnis wird die Kalligraphie daher auch höher angesehen als die Malerei. Gute xieyi-Malerei bedarf jahrelangen bis lebenslangen fleißigen Übens in der Kalligraphie.
Der Kern der Sache: Yi
Das Zeichen xie ist der einfachere Teil des Begriffes. Der aus meiner Sicht zentrale Punkt chinesischer Malerei überhaupt ist hingegen yi (意, yì, wörtlich: Bedeutung/Sinn/Absicht), und er wird Kernpunkt unserer Betrachtungen sein. Yi kann man ins Deutsche im Allgemeinen mit „Bedeutung“ übersetzen. De facto ist es aber ein unglaublich breiter und tiefer Begriff. Einige der wesentlichsten Aspekte von yi sind:
Die Bedeutung eines Objektes wiederzugeben, statt die äußere Ähnlichkeit abzubilden.
Das Innere, die „Seele“ des Dargestellten zu erkennen und grafisch umzusetzen.
Den geistigen Überbau, das philosophische Konzept, zu vermitteln. Ein daoistisches Bild wird vom Maler „geschrieben“ und vom Betrachter „gelesen“.
Der Begriff „Seele“ ist hierbei von größter Wichtigkeit und zunächst nur ein Hilfsbegriff, um das zu umreißen, was wir nicht abgebildet vorfinden. Das Wort Seele ist dabei nicht in einem religiösen Kontext gemeint, vielmehr ist es philosophischer Natur und entsteht durch das Umsetzen philosophischer Gedanken, vor allem des Daoismus. In der westlichen Philosophie kennen wir den Begriff der „Stuhlheit“1, und der trifft es recht gut: Wenn wir alles weglassen, was optisch an einen Stuhl erinnert, erhalten wir das, was einen Stuhl im Kern ausmacht. Wenn schon im ersten Absatz dieses Artikels von „angewandter Philosophie“ die Rede ist, sprechen wir von angewandtem Dao (道, dào, wörtlich: Weg/Prinzip). Darum geht es in dieser Serie, wobei wir uns heute ausschließlich dem zentralen Punkt des Daoismus widmen wollen: Yin – Yang.
Yin und Yang
Die Begriffe Yin (阴, yīn) und Yang (阳, yáng) kennen wir alle. Meist wissen wir jedoch nicht, wie vielschichtig und tiefgreifend der Gedanke in einem Bild eingebettet ist. Zunächst wollen wir uns in Erinnerung rufen, dass die Interpretation weiblich/männlich, klein/groß oder weich/hart das Thema nur am Rand streift. Vor allem aber sind es keine starren Gegensätze, wie das oft im Westen verstanden wird. Vielmehr sind es zwei grundsätzliche Kräfte, die einander bedingen, in Konversation stehen, über das Dargestellte hinauswirken und so die „Seele“ formen.
Vom Kleinsten zum Größten
Beginnen wir mit unseren Betrachtungen zu Yin und Yang im Kleinsten. Das ist in einem Bild ein Punkt (点, diǎn). Ein Punkt ist in der xieyi-Malerei niemals nur ein zufälliger Fleck. Er ist verdichtete Lebensenergie (qi, 气, qì). Setzt der Maler den Pinsel an, entsteht aus der Spannung und Konzentration heraus ein Kraftzentrum, aus dem sich der nächste Strich entwickelt.
Und was ist das Größte? Das Universum. In den alten Schriften zur Malerei heißt es, dass der Maler ein Schöpfer ist, der nicht nur die Natur, sondern das ganze Universum einfangen kann. Dies geschieht jedoch nicht durch das Ausmalen jeder Einzelheit, sondern durch daoistische Prinzipien wie kai (开, kāi, wörtlich: ausdehnen/öffnen) und he (合, hé, wörtlich: zusammenziehen/schließen). Ein Bild atmet. Es dehnt sich im Raum aus und zieht sich in dichten Pinselstrichen wieder zusammen.
Das Spiel der Kräfte: Weitere Prinzipien in der Praxis
Das Yin-Yang-Prinzip beschränkt sich in der Praxis nicht auf Form und Raum. Es durchdringt die gesamte Arbeitsweise des Malers. So wird trockene Tusche (gan, 干, gān) ganz bewusst feuchter Tusche (shi, 湿, shī) gegenübergestellt. Der raue, kratzige Pinselstrich, der das Papier nur streift, verlangt nach einer Antwort in Form einer weichen, wässrigen Fläche.
Ein weiterer essenzieller Gegenpol ist das Verhältnis von bemalter Fläche zur Leere. Die Leere, das sogenannte liubai (留白, liúbái, wörtlich: das Weiß stehen lassen), ist nicht einfach unbemaltes Papier oder fehlende Information. Es ist ein aktiver Raum, gefüllt mit qi. Die bemalte Form (Yang) und die unbemalte Leere (Yin) kommunizieren miteinander. Oft macht das liubai achtzig Prozent oder mehr eines klassischen Werkes aus.
Ebenso finden wir den Kontrast in der Ausführung: Schnelle, impulsive Pinselführung harmoniert mit langsamer, bedächtiger Linienführung. Einfache, reduzierte Formen treten in den Dialog mit komplexeren Strukturen. Nichts steht für sich allein. Alles existiert nur in Relation zu seinem Gegenpol.
Die Erschaffung von Leben
Wenn diese Gegenpole in einem Bild perfekt harmonieren, erreichen wir das höchste Ziel der chinesischen Malerei, das der Gelehrte Xie He bereits im 6. Jahrhundert als wichtigstes Gesetz formulierte: qi yun sheng dong (气韵生动, qì yùn shēng dòng). Übersetzt man dies im Kontext des daoistischen Verständnisses, bedeutet es: „Stelle Yin und Yang in Harmonie, und Leben wird geschaffen.“2
Dies alles geschieht idealerweise im Zustand des wu wei (无为, wúwéi, wörtlich: müheloses Handeln). Der Maler erzwingt das Bild nicht, er lässt es aus der natürlichen Bewegung des Dao entstehen. Das Wesen der chinesischen Malerei liegt somit nicht in der bloßen Abbildung der Natur, sondern im Sichtbarmachen ihrer innewohnenden Prinzipien. Wer lernt, dieses beständige Wirken von Yin und Yang in jedem Pinselstrich und in jeder bewussten Leere zu erkennen, dem öffnet sich eine völlig neue und tiefgründige Dimension der Kunstbetrachtung.
Mehr Artikel zu diesem Thema finden sich auf: https://zettl.blog/asian-art-theories/
Fußnoten
1. Dieser Begriff wird meist im Kontext der Phänomenologie oder der analytischen Philosophie verwendet (in Anlehnung an klassische platonische Ideen wie die „Tischheit“ oder „Stuhlheit“, teils auch in Bezügen zu Edmund Husserl).
2. In historischen Standardwörterbüchern zur Zeit Xie Hes wurde der Begriff qi (气) erklärt als „Qi, das sind die beiden Qi“. Damit waren explizit Yin und Yang gemeint. Die gängige westliche Übersetzung von qi yun sheng dong als „Spirit Resonance“ greift daher oft zu kurz.



