Das menschliche Leben ist eine einzige Folge unbegreiflicher Wunder, ein aus unzähligen Geheimnissen zusammengesetztes Wunder. Vom Augenblick der Befruchtung bis zum letzten Atemzug vollzieht sich im Organismus eine wunderbare Unfassbarkeit nach der anderen. Ein Universum unendlich vieler winziger Welten entfaltet sich in unserem Körper, lebt, arbeitet und vergeht – meistens ohne dass wir davon etwas spüren, wissen oder bewusst etwas dazu beitragen. Das Leben braucht unseren Verstand nicht. Es besitzt seine eigene Intelligenz –glücklicherweise. Denn wenn wir organisieren müssten, dass unsere Organe funktionieren und die Stoffwechselprozesse richtig ablaufen, hätten wir keine Chance, auch nur eine Minute zu überleben.
Die Welt, in der wir leben, ist so feindselig, dass jeder Atemzug, jeder Bissen, jeder Kontakt mit der Umwelt eigentlich tödlich sein müsste. Sich davor bewusst schützen zu wollen, ist unmöglich – und alleine der Versuch wäre töricht. Jede Zelle lebt und arbeitet an ihrem für sie bestimmten Platz im Organismus. Jede ist ein kleines Meisterwerk der Natur, das atmet, mit den umliegenden Zellen kommuniziert, seine Aufgaben erfüllt, materiell und energetisch verstoffwechselt, was anfällt – und das Leben als Mensch ermöglicht.
Wir wissen scheinbar alles über die Evolution, über die Spiralen der DNS, über die biochemischen Vorgänge in der Leber oder im Gehirn. In Wahrheit wissen wir beinahe nichts – nichts von dem, was den Zusammenschluss all unserer Zellen zu einem lebendigen Wesen werden lässt. Es ist ein Geheimnis. Keine naturwissenschaftliche Forschung wird dieses Geheimnis jemals ergründen, auch wenn die moderne Wissenschaft es immer wieder verkündet.
Es ist ein Geheimnis. Und es bleibt ein Geheimnis. Wir können es höchstens erahnen. Ein Wunder lässt sich nicht mit chemischen Formeln, Gewebsproben oder Laborwerten erklären. Ein Wunder lässt sich nur in Demut und Dankbarkeit betrachten.
Das Leben ist ein zerbrechliches Geheimnis. Wir wissen, dass wir sterben müssen und dass dieser Körper, der uns, solange wir leben, durch das Leben trägt, vergänglich ist. Unser Körper ist unser bester Freund. Er ist der einzige, der uns bis zu unserem Tod nicht verlassen wird. Ich verbringe mein ganzes Leben mit ihm.
In unserer Gesellschaft haben wir in der Regel ein instrumentalisiertes Verhältnis zu unserem Körper, ebenso zu unserer geistigen und seelischen Leistungsfähigkeit. Wir haben auf Höchstleistungsniveau zu funktionieren. Beschwerden und Kranksein wünschen wir durch medizinische und naturheilkundliche Therapien möglichst schnell zu beseitigen.
Doch eine solche Haltung wird dem Geheimnis Leben nicht gerecht. Es ist Zeit, uns wieder unseren inneren Kräften zuzuwenden, darauf hinzuarbeiten, unsere Selbstheilungskräfte zu aktivieren, ihre Kraft für die eigene Gesundheit oder zum besseren Umgang mit den verschiedenen Aspekten einer Erkrankung einzusetzen. So wird es möglich, einen Krankheitsprozess neu zu beleuchten und durch liebevolle Zuwendung die Eigenverantwortung für sich selbst zurück zu gewinnen.
Das Leben ist ein Zusammenwirken von körperlichen Prozessen, geistigen und psychosozialen Wirkfaktoren wie Lebenseinstellungen, Glaubensmustern und Gefühlen. Diese Sichtweise von Lebensprozessen fordert ein anderes Verständnis von Krankheit. Eine Erkrankung ist keine zu reparierende Störung in geschlossenen und logischen Systemabläufen, sondern eine Aktion des Körpers im Zusammenspiel mit sozialen und psychisch-seelischen Einflüssen und ökologischen Wechselwirkungen. Krankheit hat eine veränderte Bedeutung, wenn sie als Ausdrucks- und Sprachmöglichkeit begriffen wird. Sie wird zur Botschaft, zum Ratgeber. Der Ausdruck Krankheit kann eine wichtige Information für den menschlichen Entwicklungs- und Wachstumsprozess sein. Dadurch wird ein Kontakt zur vermeintlichen „Gegnerin Krankheit“ geschaffen. Das fordert zuerst einmal die Fähigkeit, sich selbst zu trauen, sich Aufmerksamkeit zu schenken und auf eine Erkrankung einzugehen, hinzuhören, sich zuzuneigen, ihren Signalcharakter zu achten, sie anzuschauen und kennenlernen zu wollen, sie als Teil des Lebens zu begrüssen.
Die Fragen zur Erkrankung sollen lauten: Was brauchen mein Körper, mein Geist und meine Seele für Gesundung und Wohlgefühl? Was fehlt ihnen? Welche Antworten fordern diese Informationen von mir? Durch welche alten Einstellungen dem Leben gegenüber behindere ich meine Kraft und Lebensfreude? Wovon hab ich zuviel? Was nimmt mir den Atem? Was erstickt mich? Welche Verhaltensweisen soll ich aufgeben? Was fördert meinen Mut, meine Kraft, meine Ressourcen und meine Eigenliebe?
Die Suche nach dem, was mein Krankheitssymptom ausdrücken will, soll nie eine Suche nach der eigenen Schuld oder nach der Schuld der Anderen sein, sondern eine Frage nach Eigenverantwortung und Eigenmacht – und eine Antwort auf „was mache ich jetzt damit?“
Es geht darum, sich der Konsequenzen seines heutigen Handelns bewusst zu sein. Mein Handeln und meine Lebenshaltung sind Voraussetzung für das Kommende – immer mit dem Grundgedanken, dass ich es so gut mache, wie ich es kann. Was immer ich tue, hat Auswirkungen (auch wenn ich mich entschliesse, nichts zu tun). Es geht nicht um Schuld. Ich habe mein Bestes gegeben, das mir in der jeweiligen Situation möglich war. Alles Vergangene prägt mein Jetzt. Mein heutiges Leben ist Voraussetzung für das Zukünftige. So übernehme ich wirklich die Verantwortung für mein Leben, für mein Handeln, Fühlen und Denken. Die Verantwortlichkeit liegt insofern bei mir, weil ich in einer bestimmten, unbewussten oder bewussten Art in meinem Leben agiere.
Krankheit ist Disharmonie, ist Ungleichgewicht in uns. Krankheit ist ein Wink, unser Denken und Handeln zu überprüfen. Sie ist eine Botschaft, die zu beachten sich lohnt, eine Botschaft über die Qualitäten einer Lebensweise. Der Mensch bewahrt die Erinnerung an Erlebtes, an Liebe und Gewalt, an gelebte und ungelebte Impulse und Triebe. Krankheit ist demnach eine wichtige Informationsquelle. Wir leben unsere Geschichte, wir verkörpern unsere Lebensgeschichte, wir leben unsere Gedanken. Denn die Teilung des Menschen in Körper, Seele und Geist ist (solange wir leben) eine theoretische.
Was immer im Geist und in der Seele vorgeht, beeinflusst den Körper – und umgekehrt ebenso. Jeder Körper ist eine Ver-Körperung eines Lebensweges, einer Art und Weise im Leben zu stehen. Im Körper erhält das Innere eine Form. Wir verkörpern unsere Lebensgeschichte.
Der Mensch braucht den äusseren Arzt und seine Medizin mit allen ihren Möglichkeiten. Aber gleichzeitig braucht er auch den inneren Arzt. Der innere Arzt ist der Träger der persönlichen Anlagen, der Selbstheilungskräfte, des Glaubens und aller persönlichen Ressourcen, die zur Bewältigung der Krankheit zur Verfügung stehen.
Selbstbewusstsein kann als Besinnungsprozess auf sich selbst verstanden werden – als Vertrauen auf die eigenen Kräfte.
Der Mensch kennt viele Strategien zur Wiederherstellung der verlorenen Balance. Diese Ressourcen und Reorganisationsmechanismen sind essentielle Grundlage jedes Selbstheilungsprozesses. In diesem Zusammenhang ist in neuerer Zeit der Begriff der Salutogenese aufgekommen. Salutogene = Gesundheitsentwicklung; von griech. „salus“ für „Gesundheit“ und griech. „genese“ für „Entstehung“.
Der Begriff wurde von Aaron Antonovsky (israelisch-amerikanischer Medizinsoziologe, 1923-1994) in den 1970-er Jahren als Gegenbegriff zur Pathogenese formuliert und in die Wissenschaft eingebracht. Bei der Salutogenese stehen die Ressourcen des einzelnen Menschen im Vordergrund. Die Salutogenese ist somit als „Schatzsuche“ und nicht etwa als „Fehlerfahndung“ zu verstehen.
Die Salutogenese behandelt Themen wie
• Warum werden einige Menschen krank, andere nicht?
• Wie geht der Mensch mit seiner Gesundheit um?
• Fragen zur Lebensbewältigung
• Umgang mit existenziellen Lebensfragen
Sich dem Geheimnis und dem Wunder des Lebens anzunähern, in eigener Kreativität und Inspiration, ist ein Blick auf die mutige Seite. Es ist ein Wiederfinden des eigenen Lebenswunsches, ein Aufspüren der eigenen Visionen, ein Erheben der Stimme, nach dem Ton, der im Inneren erklingt.
Weiterführende Literatur siehe:
Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde, Raimann et al., Bacopa 2012
Juli 2026, Chrischta Ganz